Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Rezension über das Buch von Hans Meyer - Bohemisches Porzellan und Steingut

Rezension über das Buch von Hans Meyer - Boehmisches Porzellan und Steingut - 1926 erschienen von Robert Schmidt

 

Es ist unbedingt sehr verdienstvoll, dass die Geschichte der boehmischen Keramik geschrieben wurde, und es ist hoechst erfreulich, dass sie von einem Verfasser geschrieben ist, der eine ganz umfassende Kenntnis des Materials besitzt. Vielleicht koennte man sagen, dass zu viel Aufwand an die sicherlich vielfach liebenswuerdige, kuenstlerisch jedoch wirklich nicht aufregende Materie gewendet worden ist. (Hans Meyer 1927 Boehmisches Porzellan und Steingut).

Dieses Urteil waere aber zu hart. Alle boehmischen Fabriken, voran Schlaggenwald, dann Kloesterle, Prag, Teinitz, Giesshuebel, Pirkenhammer, Elbogen, Dallwitz, Altrohlau, Unterchodau, alle diese Fabriken haben ihre Meriten genau so wie das boehmische Empire- und Biedermeierglas, das ebenfalls schon mehrfach seine kunsthistorische Wuerdigung gefunden hat. Das boehmische Glas seiner zeit steht allerdings doch hoeher als das Porzellan und Steingut, das sich nur selten ueber das Niveau biller Massenartikel erhoben hat; und der Verfasser ist kritisch genug, um seinem Stoff unparteiisch gegenueber zustellen. Nie arten seine Werturteile in Lobhudelei aus; das hoechste Lob, dass er ueber die zweifellos beste Fabrik Schlaggenwald ausspricht, begnuegt sich mit dem Ausdruecken: huebsch, nett, recht sauber. Den Massstab der aelteren Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts darf man an diese Epigonen eben nicht anlegen; wenn schon die Thueringer Fabriken rein kaeufmaennische Unternehmungen waren, die in kuenstlerischer Hinsicht weit hinter den groesseren fuerstlichen Gruendungen zurueckstanden, so wird hier in Boehmen in der 1. Haelfte des 19. Jahrhunderts der Betrieb immer mehr ins rein merkantile Fahrwasser zurueckgedraengt. Die Durchschnittsleistung ist anstaendig, selten mehr.

Der fluessig geschriebene Text gibt alle nur wuenscheswerte Aufklaerung ueber die Geschichte der einzelnen Fabriken; hier und da vielleicht etwas zu weitschweifig sowohl bei der Erzaehlung der persoenlichen Schicksale der Fabrikanten (was besser in der Form eines Anhangs geschehen waere, um den wesentlichen Verlauf der Fabrikgeschichte straffer zusammenzufassen) als auch bei der Aufzaehlung des Kanzleipersonals, der Dreher, Brenner, Massearbeiter, ja der Fabrikwaechter, deren Familienstand mit allzu eingehender Liebe genau geschildert wird.

Bei den Kuenstlern, besonders den Malern, ist das natuerlich vertretbar, denn hier sind z.B. leicht wichtige Beziehungen zu den anderen Fabriken daraus zu konstatieren. Wie ueberhaupt von hohem Interesse ist, dass ein grosser Teil der Fabrikanten und Maler gerade der wichtigesten boehmischen Fabriken, so von Schlaggenwald, Kloesterle, Giesshuebel und Pirkenhammer, aus den aelteren thueringischen Manufakturen stammt. Wenn nun aber schon diese Riesenarbeit aufgewendet worden ist, so ist wiederum nicht erfindlich, warum die Fabrikgeschichte durchweg nur bis in die 1850er oder 1860er Jahre verfolgt worden ist; alles gehoert ploetzlich, grundlos bei irgend einem zufaelligen Datum auf. Aber auch in anderer Hinsicht ist das Buch wiederum sehr unvollstaendig. Fuenf Fabriken (Aich, Tannowa, Buden, Schelten und Fischen) sind nur ganz fluechtig erwaehnt; eine ganze Anzahl anderer, so Klum, Beiereck, Neumark, Budweis, Bodenbach, Aussig sind ueberhaupt voellig uebergangen worden, trotzdem sie, wie z.B. Bodenbach, teilweise recht gute und interessante Ware hergestellt haben. Ein Buch, dass sich ganz allgemein Boehmisches Porzellan und Steingut (warum uebrigens auf dem Einband Steinzeug betitelt, haette schon aus einem gewissen Prinzip heraus alle in Betracht kommenden Fabriken wenigstens nennen und kurz behandeln sollen. Dann aber haette der Verfasser sich wieder viel andere Arbeit ersparen koennen, so z.B. beim Sachregister. Ist es wirklich notwendig, da als besonderes Stichwort Affe aufzufuehren, nur weil auf der betreffenden Textseite eine Figur Maedchen mit einem Affen erwaehnt ist? Und wenn der Text von k.k. Berg- und Forstamtskassierer, spaeteren k.k. Bergmeister Wenzel Haas spricht, - ist es da wirklich noetig, im Sachregister sowohl den Bergamtskassierer, wie den Forstamtskassierer und den Bergmeister als besondere Stichworte zu bringen?

Derartige Beispiele waeren reihenweise aufzufuehren. Der Hoehepunkt dieser Register Pedanterie scheint mir aber das Stichwort Forstadtjunkt zu sein: wir schlagen nach und finden dass dieser Forstradjunkt einen unehelichen Sohn hatte, der ein Maler in Schlaggenwald war! Ist so etwas nicht wirklich eine - gelinde gesagt - unverantwortliche Belastung einer wissenschaftlichen Arbeit? Andererseits aber sind wieder grosse Unterlassungssuenden zu monieren. Und diese sind bei den Abbildungen begangen worden. Auch nicht mit einer leisesten Andeutung wird verraten, wo sich die abgebildeten Stuecke befinden. Stammen sie saemtlich aus der Sammlung des Verfassers? So sollte man denken; man wird aber wieder zweifelhaft, wenn man im Text liest, dass z.B. der auf Tafel 41,1 abgebildete Becher vor dem Krieg auf Schloss Mostau sich befand, jetzt aber nicht mehr dort vorhanden sein soll. Und steht das aelteste boehmische Versuchstueck, die farbig abgebildete Tasse aus Kloesterle (1793), in der Sammlung des Verfassers, oder wird sie im oestereichischen Museum in Wien aufbewahrt, wie aus der unklaren Notiz auf Seite 116 hervorzugehen scheint? Die genaue Angabe des Aufbewahrungsortes der abgebildeten Stuecke haette nicht verschwiegen werden duerfen. das geht nicht in einem Buch, das auf wissenschaftlichen Wert Anspruch macht!

Der Loewenanteil der Abbildungen scheint aber doch aus der Privatsammlung des Verfassers zu stammen; anders laesst sich nicht erklaeren, dass recht viel entbehrliche, weil gleichartige oder wenigstens sehr aehnliche Stuecke aufgenommen worden sind, dagegen eine Unzahl im Text erwaehnter Stuecke aus anderen Besitz ausgelassen wurden. Und dabei hoechst wichtige! Um nur einige zu nenen: der interessante Krug von 1798 und das Kaffeeservice Webers (Kloesterle) im Prager Kunstgewerbemuseum; die bemerkenswerte Tasse mit kaempfenden Rittern ebenda; die einzige Arbeit von Kloesterle mit Malersignatur (Voigt) im Prager Privatbesitz; die 1812 datierte Tasse des Prager Landesmuseums. Warum fehlt die Woechnerinnenschluessel von Kloesterle, die das einzige bisher bekannt gewordene Steingutgeraet der Fabrik ist? Das sind Unterlassungssuenden, die eben sicherlich dadurch entstanden sind, dass fast ausschliesslich die Sammlung des Verfassers herangezogen worden ist.

Ich weiss, meine sehr ausfuehrliche Kritik des Buches ist vielleicht etwas hart. Aber es muss einmal rein prinzipiell gesagt werden, was von einem derartigen Buch erwartet werden muss, wenn es wissenschaftlichen Wert haben soll. Das besprochene Werk versagt da leder in vielen, entscheidenden Punkten. Um aber die Arbeit auch nach der positiven Seite gerecht zu werden, kann ich sagen, dass das rein Tatsaechliche mit dankenswerter Sorgfalt und sicherlich unendlicher Muehewaltung zusammen getragen und geschrieben worden ist und dass auch das reichhaltige Abbildungsmaterial viel Wertvolles und Wissenswertes vermittelt. Ebenso ist der Nachweis der Strichvorbilder, die in grosser Anzahl reproduziert sind, ein sehr willkommener Beitrag zur kuenstlerischen Geschichte der Keramik in der 1. Haelfte des 19. Jahrhunderts. So wird der Wissenschaftler, wie der kuenstlerisch interessierte Fachmann und auch der Liebhaber des aelteren Kunstgewerbes erheblich Nutzen aus dem Buche ziehen koennen und seine Freude an dem gewiss nicht sehr anspruchsvollen, immer aber liebenswuerdigen und vielfach reizvollebn keramischen Produkten Boehmens haben.

Robert Schmidt 1926