Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Regenbogenhaus Rosenthal

Mitten in der Stadt darf das »Weisse Gold« ungestraft mit Füssen getreten werden. Als der Stadtrat von Selb vor gut dreissig Jahren die Weichen für die Gestaltung der Fussgängerzone stellte, leistete er sich einen – andernorts kaum vorstellbaren – Luxus: Zwischen dem Granitpflaster wurden einzelne Ornamente und sogar ganze Gassen mit wetterfesten Porzellansteinen aus heimischer Manufaktur in den Bodenbelag eingelassen.

Regenbogenfasade Rosenthal - Regenbogenhaus

Die Geschichte der Porzellanindustrie begann in der Region Selb schon zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Doch am Beginn der Karriere zu einem international berühmten Namen, der im gleichen Atemzug wie Meissen oder Nymphenburg genannt wird, stand eine verheerende Katastrophe. Am 18. März 1856 legte ein riesiger Brand 220 Häuser, 408 Nebengebäude und auch die Kirchen in Schutt und Asche, über 3000 Einwohner wurden obdachlos. Schon ein Jahr später geschah mit dem Bau der ersten Porzellanfabrik durch Lorenz Hutschenreuther in Selb das, was ein Chronist mit beziehungsreichen Worten als »eine Art Feuergeburt« der künftigen Porzellanstadt apostrophierte.

Tatsächlich sorgten die Fabrikanten, namentlich Philip Rosenthal, dafür, dass neben Arbeit und Wohlstand auch moderne Kunst und Architektur in den seit 1945 zur Randlage verurteilten Winkel im Osten Oberfrankens kamen. Künstler wie Friedensreich Hundertwasser, Otto Piene und Marcello Morandini gestalteten in Selb spektakuläre Fabrikfassaden, und der ungarische Op-Art-Maler Victor Vasarely schmückte mit Hunderten von quadratischen Porzellanreliefs den Sprungturm im städtischen Hallenbad. Eine besondere Beziehung verband den Architekten Walter Gropius mit Selb: Der »Bauhaus«-Gründer plante nicht nur den Neubau der Rosenthal-Fabrik, sondern entwarf 1967 auch den Entwicklungsplan der Stadt Selb, den er als »Prototyp der vorausschauenden Planung für Klein- und Mittelstädte« ansah.

Noch behauptet sich Selb als Standort in der von Krisen geschüttelten Keramik-Industrie; allein im Landkreis Wunsiedel sind in den letzten Jahren mehrere tausend Arbeitsplätze dieser Branche verloren gegangen. So hofft auch Helmut Steib, seit 1992 evangelischer Dekan in Selb, auf eine Wiederentdeckung der Tischkultur und damit auch des Porzellans. Ob von der Erschliessung neuer Verkehrswege (für eine Ost-West-Autobahn von der A9 Richtung Tschechien gibt es erste Überlegungen) auch die Wirtschaft profitiert, müsse die Zukunft zeigen, meint der Theologe.

Regenbogenstadt für einen Tag 1977

Selb ist eine Porzellanstadt — Selb wurde eine „Regenbogenstadt” für einen Tag. Das war am 3. November 1973, als ein Wandbild von 195 mal 18 Metern Grösse mit einem Regenbogenfest „enthüllt” wurde. Otto Piene hatte die Vorlage zu dieser Wandmalerei geschaffen, verschieden gewölbten Regenbögen an der langen Fassade ein

es Fabrikgebäudes der Firma Rosenthal. Voreilig wäre es, gleich zu sagen, die Kunst gäbe nur die Dekoration zu einer „miesen Arbeitsbedingung” ab. Denn man hat in Selb zuvor, in den letzten Jahren, viele Anstrengungen unternommen, aus der Staubund Qualmstadt eine saubere Stadt zu machen, etwas, das durch die Umstellung von Kohle auf Gas gelang; auch der grosse Schrecken der Porzelliner und Glasmacher, die Staublunge — nämlich durch Quarzstaub — ist gebannt; und dann hat das sogenannte Rosenthal-Modell eine Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer eingeführt. Also konnte man nun daran gehen, die Umwelt visuell freundlicher, also farbiger zu machen.

Für Otto Piene ist der Regenbogen seit den Zero-Jahren ein Grundthema seiner Kunst. Immer wieder hat er Regenbögen gemalt, vorgeschlagen, gedruckt, ausprobiert, ausgeführt. Sein spektakulärster Regenbogen wurde bei der Abschlussfeier der Olympischen Sommerspiele in München realisiert, fünf mit Helium gefüllte, weit sich spannende Plästikschläuche. Der Regenbogen ist für ihn nicht nur ein visuelles, nicht nur ein geistiges und emotionales Phänomen, sondern mehr und mehr ein physisches, ein allgemeines, universelles, das jeden angeht”. So waren in Selb die .Schulklassen aufgefordert worden, Regenbogen zu machen; beim Regenbogenfest wurden dann über tausend von ihnen in Zeichnungen vorgestellt, zusammen eine Art von Lexikon der Phantasie, der Kritik und der Aufmerksamkeit von Kindern. Solche Aktivitäten helfen, milieubedingte Nachteile der Arbeiterkinder wie mangelnden Ansporn, kaum entwickelte Kreativität und dergleichen auszugleichen; Philip Rosenthal hat im übrigen für sie eine Stiftung errichtet, der nach seinem Tod die Hälfte seines Vermögens zugute kommen soll.

Zum Regenbogenfest in Selb wurden unter vielem anderen Siebdrucke Pienes im Super- Format von 200 mal 130 Zentimetern (aus der Ingolstädter Druckerei Herbert Geier, Verlag Josef Keller) vorgestellt, auch ein hervorragender Film der jungen Münchener Regisseurin Murri Seile über den Olympia-Regenbogen uraufgeführt. Die Wandmalerei selbst, der bleibende Teil des Regenbogenfestes, gibt einem Industriegebäude, das zuvor von einer bemerkenswerten Hässlichkeit war, Gliederung, Farbe und die Möglichkeit, nunmehr in die Stadt hineinzuwachsen: Ein Fremdkörper ist zu einer Attraktion geworden, zu einem Beispiel jener Umwelt-Kunst, für die Piene vor kurzem als Professor an das MIT in Cambridge (Massachusetts) berufen wurde.

Friedensreich Hundertwasser - Die dritte Haut oder Eine Fabrik schliesst Frieden mit der Natur

1928 in Wien als Friedrich Stowasser geboren. Seinen jetzigen Namen (Struss. Hundert) gibt er sich 21jährig in Paris. 1949-1951 Aufenthalte in Italien, Frankreich und Nordafrika. 1959 zieht er als Gastdozent der Kunsthochschule Hamburg die endlose Liebe.

Er arbeitet seit 1953 hauptsächlich in Paris, seit 1957 in der Normandie, seit 1962 in Venedig, seit 1968 auf dem Schiff Regentag, seit 1973 in Neuseeland. Er ist architektonisch als Maler und Graphiker und als Ökologe tätig. Mit Leidenschaft verfolgt er sein Anliegen: Für ein Leben in Harmonie mit den Gesetzen der Natur. Während eines Besuches bei Philipp Rosenthal in Selb kam Hundertwasser auf die Idee, eine der Porzellanfabriken nach seinem Sinne zu verändern. Die geraden Linien der Fasade wurden durch Keramikplatten in organischer Form belebt. Baummieter zogen ein. Zusammen mit Philip Rosenthal bepflanzte er den vormals so „ordentlich“ strukturierten Mitarbeiter Parkplatz mit Bäumen. Und zwar nicht in Reih und Glied, sondern wildwuchernd, wie die Natur, wenn sie nicht bevormundet wird. Genau das ist Hundertwassers leidenschaftliches Anliegen: Ein Leben mit und gemäss der Natur.