Porzellanindustrie Nordostbayern

Die Porzellanindustrie prägt die nördliche Oberpfalz und Teile Oberfrankens. Die "Porzellanstädte" Selb und Weiden sind – neben Orten in Thüringen und Sachsen – die Zentren dieses Wirtschaftszweiges. Hier haben zahlreiche international bekannte Porzellanhersteller, viele schon seit dem 19. Jahrhundert, ihren Sitz. Einige dieser Unternehmen dominieren die Branche weltweit. Zulieferer aller Art, wie Buntdrucker für Dekore, Porzellanmaler und -bedrucker, Maschinenbauer, Analyselabors und Rohstofflieferanten mit Gemengeaufbereitung befinden sich in unmittelbarer Nähe. Stark konzentriert in der Region sind ebenfalls die Massemühlen, die die Rohstoffe zu den Porzellanmassen veredeln. Zudem gibt es den Verband der Keramischen Industrie, die Porzellanfachschule, die Agentur für neue Initiativen im Strukturwandel, mehrere Museen und die Porzellanstrasse.

Im wesentlichen lassen sich die Haupterzeugnisgruppen Geschirrkeramik, Baukeramik, Ofenkacheln und technische Keramik unterscheiden. In der Untersuchung erfolgte eine Konzentration auf den Bereich Geschirrkeramik, der sich wiederum in Haushalts- bzw. Hotel- und Systemporzellan unterscheiden lässt. Dabei sieht sich die Erzeugnisgruppe Hotel- und Systemporzellan offenbar weniger gravierenden Strukturproblemen gegenüber als das Haushaltsporzellan. Viele der hier ansässigen Unternehmen bedienen beide Märkte.

Die Firmen, die zum Teil auf eine über hundertjährige Tradition zurückblicken, sind typischerweise in Familienbesitz. Die Akteure beobachten sich, halten aber meist kritische Distanz zueinander. In nicht wenigen Fällen konkurrieren sie auf den gleichen Märkten, was die Neigung zur Abschottung erklärt und grosse Hürden für die Zusammenarbeit bedeutet. Dies war auch bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Fall, als die Branche noch insgesamt expandierte und eine positive Gewinnsituation vorherrschte. Seither hat sich die Lage drastisch verschlechtert. Das letzte Jahrzehnt brachten Preiseinbrüche von über 30 Prozent mit sich, gemessen an der Beschäftigung und der Produktion hat sich der Porzellanbereich in den neunziger Jahren in etwa halbiert. Ob die Talsohle bereits erreicht ist, ist unter den befragten Experten strittig. Als Hoffnungsschimmer hat es im Jahr 2000 nach acht Jahren mit zurückgehenden Umsätzen wieder eine leichte Erholung gegeben, die allerdings rein auf gestiegener Auslandsnachfrage beruht. Diese positive Entwicklung wurde durch die Terroranschläge Ende des Jahres 2001 wieder unterbrochen. Aufgrund der Ereignisse ist nicht nur die Nachfrage nach Porzellan in einem der Hauptexportländer USA gesunken, es wurden auch Aufträge storniert.

Folgen des Strukturwandels

Das durch den Strukturwandel entstandene negative Image des Wirtschaftszweiges wirkt sich nicht nur auf die Kunden und Banken als Kapitalgeber aus, sondern auf die gesamte Region. Fast jede der dem Porzellanbereich verbundenen Familien wurde von Entlassungen betroffen. In manchen Städten, die bis in die achtziger Jahre hinein als "Porzellanstädte" galten, wurden alle Porzellanfabriken geschlossen.

Dieses negative Image des Porzellans hält sich nach wie vor hartnäckig, weswegen kaum mehr junge Leute aus der Region in diesem Wirtschaftszweig arbeiten wollen. Dazu gesellt sich eine Zurückhaltung der Unternehmen, entsprechende Ausbildungen anzubieten. Die Porzellanfachschule bildet unter anderem Modelleure aus, die allerdings unter anderem auch für die Automobilindustrie interessant sind und nun bevorzugt dort arbeiten. Ein Grund dafür ist sicherlich auch, dass das Lohnniveau im Porzellanbereich niedriger als in anderen Industriezweigen ist. Die Erfahrung zeigt, dass Mitarbeiter, die einmal in einen anderen Bereich gewechselt sind, kaum für die Porzellanbranche zurückgewonnen werden können. Schon jetzt macht sich ein Facharbeitermangel bemerkbar, der sich nach Expertenmeinung in den kommenden Jahren noch verstärken wird.

Zu betonen ist jedoch, dass die Arbeitsplätze der qualifizierten Facharbeiter auch in Krisenzeiten relativ sicher waren. Entlassungen betrafen in erster Linie angelernte Kräfte und Frauen in der Produktion, die mit einem Anteil von mehr als 75 Prozent allerdings den Grossteil der Beschäftigten stellten. Da sich diese Gruppen durch starke Ortsgebundenheit und wenig Flexibilität auszeichnet, sind die Arbeitsmarktwirkungen in diesem Bereich nachhaltig spürbar.