Museumsdenkmal Selb-Ploessberg
Das Denkmal als Museum
1986 entscheidet sich der Stadtrat der Grossen Kreisstadt Selb, ein Museum zu bauen. Gedacht ist zunächst an eines wie das nur 12 Kilometer entfernt florierende Deutsche Porzellanmuseum. In diesem engen Raum zwei konkurrierende Museen gleicher Ausrichtung, dass dieses nicht funktionieren könnte, wurde jedoch schon bald deutlich. Doch wo lagen die Defizite der musealen Darstellung der Geschichte einer bedeutenden Branche wie der Porzellanbranche in Nordbayern, die zu dieser Zeit allein im Landkreis Wunsiedel 10.000 Menschen in den Werken Arbeit gab? Hier war der Ansatz für eine neuartige und überzeugende museale Einrichtung, die sich mit dem Vorhandenen in Hohenberg auf ideale Weise ergänzen würde.
Gerade der Aspekt der menschlichen Arbeit in der Porzellanindustrie, gerade dieser wurde aufgrund der Raumstruktur in dem Museum in Hohenberg zwar bewusst gestreift, es wurden auch seit 1984 bereits Maschinen und Werkzeuge, Fotografien etc. gesammelt, aber eine auch nur annähernd authentische Präsentation in dieser Unternehmervilla aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschien den mit der Konzeption Beauftragten wenig angebracht. Die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen hatte dieses ebenso im Auge. Wo und wie sollte die technische Keramik als ein Ableger der Porzellanindustrie dokumentiert werden?
Unter dem Eindruck der bereits in anderen Bundesländern, vornehmlich Nordrhein- Westfalen, geführten Diskussion, die zu Anfang der 80er Jahre in den Beschluss der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe gemündet hatte, in historischen Fabrikanlagen Industriemuseen einzurichten, gewannen solche Überlegungen an Raum und führten dazu, dass man sich in enger Ab-stimmung mit der Denkmalpflege erstmals und in sehr ernsthafter Weise mit der Bedeutung der Denkmaleigenschaft der Porzellanfabriken befasste. Es stellte sich alsbald heraus, dass mitten im Zentrum der Europäischen Porzellan-industrie eine Fabrik besteht, die zwar in äusserst problematischer baulicher Verfassung ist, jedoch von ihren Strukturen her als idealtypisch für den gesamten nordbayerischen Raum und darüber hinaus für die industrielle Geschichte der Porzellanbranche seit dem 19. Jahrhundert, einzustufen ist: Die Porzellanfabrik „Rosenthal - Bahnhof Selb“ in Selb -Plössberg. In der Tat ist das Gesamtareal ein brillantes Beispiel für ein Industriedenkmal par Exzellenz. Zeugen der Geschichte der Arbeit und des Arbeitens, der Geschichte dieser Industrie sind die hier im Umfeld befindlichen Fabrikantenvillen, die Fabrikarbeiterwohnhäuser und vor allem einen in ihren Strukturen erhaltene Fabrik, an der die Spuren der früheren Funktion, die Symbiose aus Baulichkeit, Spuren der Produktion selbst und die Spuren der Menschen, die hier wirkten, greifbar sind, nicht künstlich erzeugt, sondern von Natur aus vorhanden.
Die Aufnahme in die Denkmalliste war von daher auch für die Konservatoren des Landesamtes für Denkmalpflege in der zuständigen Aussenstelle Schloss Seehof unumstritten. Der Gedanke, hier das Industriemuseum für Porzellan einzurichten, drängte nach Meinung der Denkmalpfleger, der Landesstelle für die Nichtstaatlichen Museen und der verantwortlichen Museumsleitung des Deutschen Porzellanmuseums in Hohenberg sich nahezu auf. Die Odyssee zu schildern, bis die ersten Arbeiten auf dem Weg zur Sanierung der Gebäude und der Einrichtung der musealen Präsentation erfolgen konnten, würde zu weit führen. Es bedurfte, das darf an dieser Stelle durchaus gesagt werden, einer nachhaltigen Überzeugungsarbeit auf vielerlei Ebenen, wohl in erster Linie aufgrund der schlechten baulichen Verfassung der Gebäudesubstanz, aber ebenso auch der Grösse des Projektes, und schliesslich des noch als aussergewöhnlich angesehenen Gedankens an die Errichtung einer museale Präsentation innerhalb einer ehemaligen Fabrik.
Porzellanikon – ein Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH) ist die Bezeichnung für einen ganzen Museumskomplex in der historischen Porzellanfabrik Selb-Plössberg. Der Besucher kann sich über die Herstellungsgeschichte von Porzellan in den letzten drei Jahrhunderten informieren, unterstützt durch Vorführungen an den Arbeitsplätzen, durch Videogrossprojektionen und weitere Medien. Fertige Produkte sind im ebenfalls hier befindlichen Rosenthal-Museum zu sehen. 125 Jahre Unternehmens-geschichte werden in Design und Kunst präsentiert. Seit Oktober 2005 hat die dritte museale Einheit ihre Pforten geöffnet: das Europäische Museum für Technische Keramik. Der Komplex in Selb-Plössberg ist zusammen mit dem Deutschen Porzellanmuseum in Hohenberg an der Eger das grösste Spezialmuseum für Porzellan in Das Museum im Denkmal - zum Konzept.
Der grundlegende konzeptionelle Ansatz der musealen Präsentation wurde bereits beschrieben: Die Einrichtung eines auf die Porzellanbranche spezifisch ausgerichteten Museums der Sozial- , Wirtschafts- , und Technikgeschichte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Porzellanfabrik Selb- Plössberg nicht nur im Zentrum der europäischen Porzellanindustrie gelegen ist, sondern auch geradezu in den dort vorzufindenden baulichen Strukturen typisch für eine Porzellanfabrik im Europa der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Auch die Verfahren der Herstellung des Porzellans waren in diesem Zeitraum weitgehend vergleichbar und sind es, je nach Grad der Modernisierung, nach wie vor. Die museale Präsentation soll daher ein Spiegel sein der europäischen Produktions -, Arbeits - und Lebensverhältnisse innerhalb der Porzellanindustrie, wobei auch bewusst bestehende Unterschiede zwischen den Zentren der Porzellanherstellung in Europa, z.B. Stoke-on-Trent, in Grossbritannien, z.B. Limoges in Frankreich herausgearbeitet werden und vergleichend gegenübergestellt.
Das Konzept setzt zudem auf ein Miteinander und Gegeneinander von „Authentischen“ sowie doku-mentarischen Bereichen. Das heisst im einzelnen: Dem Besucher eröffnet sich einerseits die ganz-heitliche Darstellung einer historischen Porzellan-fabrik mit allen ihren Bereichen. Dies reicht von der originalen Toilette, dem hölzernen Plumpsklo, welches an der Stelle, wo er ihm begegnet, auch seit jeher gewesen ist, keine Rekonstruktion, sondern das Original ist auch das im Gelände der Fabrik gelegen Pumpenhäuschen am ehemaligen Feuerlöschteich, der unabdingbar zu jeder Porzellanfabrik gehörte. Neben seiner Funktion als Aggregat für die Bereitstellung des Brauch- und Löschwassers auch sozialgeschichtlich relevant, da hier bewusst stets Fische ausgesetzt waren, die als Nahrungsmittellieferant dienten. Unweit des Teiches und des Pumpenhäuschens befinden sich die 1922 hier angelegten Gleise, die es erlaubten, die Versandrampen der Fabrik direkt anzufahren, genauso aber auch die Kohlenbunker zu bedienen. Das originale Umfeld erlaubt schon ohne grosse Kommentare allein von seinem Vorhandensein her Deutungen, die sonst erheblich schwieriger erfahrbar gemacht werden müssten.
Die Öfen selbst sind ein anderer Ort, an dem dieses besonders transparent wird. Die Grösse der Brennräume selbst, die Zahl und Art der Schürkästen, die kristallinen Abscheidungen an den Gewölbedecken, sie künden von der schweren Arbeit, die hier unter hoher körperlicher Anspannung und Hitze bis zu 100 Grad Celsius geleistet werden musste. Ein Brand pro Ofen, das hiess das Schleppen von 3 Tonnen Brenngut und dreissig Tonnen dafür benötigten Kapseln, - und das war so in ganz Europa! Der Besucher er erfährt die gesamten Details der Porzellanfertigung im authentischen Umfeld auf weitgehend authentische Weise. Er betrachtet die 8 Tonnen schweren Trommelmühlen in Reih und Glied, angetrieben von den Transmissionsriemen, einen ohrenbetäubenden Lärm erzeugend, er sieht dem Besucherbetreuer zu, einem ehemaligen Modelleur, an seinem originalen Arbeitsplatz, wie aus dem von ihm erstellten Entwurf ein Modell für eine neue Form entsteht, er sieht dem Dreher und Giesser bei der Arbeit zu, der Tasse und Teller, bzw. Schalen, Knäufe, Deckel herstellt, der Porzellanmaler erklärt ihm die Wirkung der Farben und die Grundlagen der Motivkonzeption, der Drucker führt ihm vor Augen, wie mit Hilfe von Stein-druckschnellpressen seit den Zwanziger Jahren die Porzellandruckbögen entstanden, die Stahldruckerin, wie die Stahldrucke auf das noch rohe Porzellan aufgebracht wurden und welche Kraftanstrengung dieses bedeutete.
Die Wände der Fabrik, die Holzböden mit ihren Narben und den Spuren der Porzellanmasse, die Türen, die abgenutzten Granitstufen, die Maschinen und Einrichtungen, nicht herausgeputzt, sondern so, wie sie in den Fabriken ausgesehen haben, all dieses erzählt seine Geschichte und in der Summe Geschichten, die Porzellan, Porzelliner, das Leben und Arbeiten an allen Stellen der Fabrik bis hin zum Kontor erfahrbar machen. Die dokumentarischen Bereiche, sie vermitteln den Wandel in den Verfahren und Technologien vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sie stellen die „authentischen Bereiche“, die im wesentlichen den Stand der Porzellanfertigung in den Zwanziger und Dreissiger Jahren. Präsentieren, mit Hilfe von Originalmaschinen, Inszenierungen, Installationen und den herkömmlichen musealen Präsentationsformen in den grösseren zeitlichen Zusammenhang einer nahezu dreihundertjährigen Porzellantradition in Europa. Dabei finden sich elektronische Medien wie Touch-Screen-Stationen in den „Authentischen“ wie im dokument-arischen Bereich wieder. Sie erlauben dort einerseits den Verzicht auf grössere mit Text versehene Wandabwicklungen und hier die Erweiterung des Informationsangebotes um zusätzliche Vertiefungsebenen.
Filme tragen zur Veranschaulichung ebenso bei wie die Vorführbereiche der Situationen der Fünfziger Jahre, mit ihren Maschinen, die den nächsten Schritt in Richtung der Modernisierung der Fertigung in der Porzellanindustrie Europas bedeuten. Filme auf Grossleinwänden in den Öfen, sie verbinden das Originale mit der filmischen Dokumentation des nicht mehr original Machbaren wie dem Brand eines solchen Rundofens zu einem ganzheitlichen Erlebnis von hoher Dichte. Diese dokument-arischen Bereiche erlauben zudem Hinzufügungen, wie sozialhistorische Deutungen und museums-pädagogische Einheiten und runden so das gesamte Erscheinungsbild dieses Museums ab. Dass darüber hinaus die Betriebseisenbahn wieder fahren soll, dass Cafeteria und Multifunktionsraum, Bühne und Festplatz ebenso dazu gehören, versteht sich von selbst. Menschen sollen hier Geschichte hautnah erfahren, sie sollen Porzellanfabrik gestern und heute erleben, unbelastet Inhalte auf- und mitnehmen, das ist der Wunsch des Museumsteams, der Denkmalpflege, der Landesstelle, und natürlich auch des Zweckverbandes Deutsches Porzellanmuseum als Träger sowie aller Zuschussgeber und Förderer. Das Europäische Industriemuseum für Porzellan, eine museale und denkmalpflegerische Einheit, wie sie in dieser Art in Bayern bisher einmalig ist.
Eine Einrichtung, die in einem Denkmal „Porzellanfabrik“ in situ auf, wie ich denke, hautnahe Art und Weise die Geschichte der Porzellanbranche, der Arbeiter, des Arbeitens, der Porzellanherstellung zeigt, wie dies in Europa bisher nicht der Fall ist. Sicherlich ist dies eine grosse Herausforderung, auch angesichts der Grösse der Ausstellungsfläche von derzeit 4500 m² und 9000 m² im Endausbau, ein Unterfangen, das sich nicht nur lohnt, sondern auch notwendig ist, um einen wesentlichen Teil der für Bayern einst bedeutenden Industriebranche ins Bewusstsein der Menschen von nah und fern zu bringen und deren Traditionen und der an ihr einst teilhabenden und heute noch teilnehmenden, mit ihr lebenden Menschen auch im Sinne einer Identitätswahrung für die kommenden Generationen wie für uns heute zu sichern. Dafür braucht es viele Freunde und Förderer, Menschen, die sich begeistert der Sache annehmen und diese zu ihrer eigenen machen.
Wer in Nordbayern, dem Herzen der europäischen Por- zellanindustrie, eine Porzellanfabrik besuchen möchte, der ist im „Europäischen Industriemuseum für Porzellan“ an der richtigen Adresse: Was in den rationalisierten und automatisierten modernen Fabriken so nicht mehr erlebt werden kann, die Herstellung von Porzellan in seiner ganzen Dimension, das ist hier in diesem auf Vermittlung durch Erleben und Unterhaltung ausgerichteten Museum seit der feierlichen Eröffnung, dem 24. Juli 2002, hautnah erfahrbar.

Eine alte Porzellanfabrik, neu belebt
An historischem Ort, in der 1866 von Jacob Zeidler direkt an der Eisenbahnlinie Hof-Asch gegründeten und 1917 von Philipp Rosenthal erworbenen Porzellanfabrik im Selber Ortsteil Plößberg, ist in den letzten Jahren ein Museum entstanden, wie es in der Welt des Porzellans in Europa bisher keine Entsprechung hat.
Nach der von Carolus Magnus Hutschenreuther 1814 im benachbarten Hohenberg an der Eger gegründeten und der von dessen Sohn Lorenz Hutschenreuther 1856 in Selb ins Leben gerufenen Produktionsstätte ist sie die drittälteste Porzellanfabrik im Landkreis Wunsiedel. Nach zahlreichen Erweiterungen im letzten Viertel des 19. und in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren 1930 rund 900 Menschen beschäftigt, um mit 10 großvolumigen Rundöfen allerfeinste Service, Zierartikel und Figuren zu fertigen. Aus der Vergangenheit des Porzellans ist sie nicht wegzudenken: Philipp Rosenthal sen. hatte sie nach der Geburt seines Sohnes Philip, 1916, als nicht zur Rosenthal AG gehörige Fabrik im Familienbesitz gehalten. Unter sei- ner Leitung war sie durch den weltgewandten und gebil- deten Unternehmer zu einer renommierten Erzeugungs- stätte ausgebaut worden. Er engagherte Künstler von Weltrang, deren Namen durch ihre für Rosenthal erarbei- teten Entwürfe weltweit nunmehr auch mit Porzellan in Verbindung gebracht wurden, so wie auch der Hersteller Rosenthal selbst an Renommee gewann. Ein eigenes Ge- bäude für die Kunstabteilung wurde auf dem Areal errich- tet, kurzzeitig sogar Elektroporzellan hergestellt.
Die Hinwendung zur modernen Linie in der Gestaltung kam nach der Rückkehr seines Sohnes Philip Rosenthal jun. aus der Emigration nach Selb im Jahr 1950 verstärkt zum Tragen: Anerkannte Künstler und Designer wie Björn Winblad, Tapio Wirkkala und Elsa Fischer-Treiden arbeite- ten jetzt hier auf seine Veranlassung. Meilensteine des Porzellandesigns wurden entwickelt, realisiert und erfolg- reich vermarktet. Selb-Plößberg ist damit einer der Ur- sprungsorte der 1961 ins Leben gerufenen „Studio Linie“.
Doch aufgrund der zunehmenden Mechanisierung und Maschinisierung in der Porzellanbranche in den sechziger Jahren war das Aus für die Fabrik in Selb-Plößberg vor- aussehbar: Die Gebäudestruktur war auf mehretagige Rundöfen abgestimmt. Sie ließ eine Umstellung auf die moderne Brenntechnik mittels der lang gestreckten, ebenerdig angelegten Tunnelöfen nicht zu. Es unterblieben Umbauten, Modernisierungen und Erweiterungen, wie sie andernorts durchgeführt wurden. Stattdessen entstand auf anderem Areal eine völlig neue Produktionsstätte, Ro- senthal am Rotbühl, nach Entwürfen des Bauhaus-Archi- tekten Walther Gropius. Die Produktion in Selb-Plößberg endete 1968/69, die Porzellanfabrik wechselte mehrfach den Besitzer, verfiel.
Erhalten blieben die entscheidenden baulichen Strukturen einschließlich des Fabrikareals mit den Eisenbahngeleisen, dem Feuerlöschteich, den Werkstätten und Nebengebäu- den – sowie das gesamte Umfeld mit den Arbeiterwohnhäusern, dem Bahnhof, dem Fabrikantenwohnhaus – in einer selten anzutreffenden geschlossenen Form. Erhalten blieb somit ein Industrieensemble von außergewöhnlich hohem historischem Wert. Es repräsentiert auf idealtypische Weise die Strukturen einer Porzellanfabrik, wie sie nicht nur in Nordbayern mit Selb als einstigem „Weltzentrum der Porzellanproduktion“, sondern fast in ganz Euro- pa bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts bestanden. Aufgrund seiner historischen Bedeutung wurde der Gesamtkomplex 1988 in die Denkmalliste aufgenommen und in der Folge zum Museum ausgebaut, dem „Europäi- schen Industriemuseum für Porzellan“. Ein Großdenkmal wurde restauriert und wird es immer noch: Mit geringsten finanziellen Mitteln begann 1990 die Sanierung der Gebäude. Im Rahmen von AB-Maßnahmen angestellte Kräfte leisteten die ersten Arbeiten. Aufgrund der Dimension des Vorhabens wurde 1993 mit den fördernden Stellen ver- einbart, den Ausbau in mehreren in sich funktionsfähigen Modulen voranzutreiben. 1996 konnte der erste Bauab- schnitt abgeschlossen werden, der zweite 1998, der dritte, 2002 von Staatsminister Hans Zehetmair eröffnet, in Betrieb gehen. Zurzeit ist ein weiterer Abschnitt im Bau.
Mehr als 15 Jahre liegen nun die Anfänge zurück. Während der gesamten Zeit wurde intensiv mit den beteiligten staatlichen Stellen zusammen gearbeitet: Einerseits mit den Vertretern der zuständigen Stelle beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, soweit es z. B. die Restaurierung der Gebäude und die denkmalgerechte Nutzung betrifft, andererseits mit den Referenten der Landesstelle für die nichtsstaatlichen Museen im Hinblick auf die Arbeit an der Ausstellungspräsentation und Fort- schreibung des Museumskonzeptes.
Die Fabrik ist als Museum zu neuem Leben erwacht: Mehr als 13 Meter lang ist eine der beiden Dampfmaschinen, die einst die Fabrik über die ledernen Transmissionsriemen und stählernen Wellen mit Antriebskraft versorgten. Heute läuft sie dank Pressluftgeneratoren von hohem Druck angetrieben wieder unter „Volldampf“. Die riesigen Mahlsteine des Kollerganges, der einst Feldspat und Quarz zerkleinerte, die tonnenschweren Trommelmühlen im Bereich der Massemühle bilden einen markanten Kontrast zu der feinsinnigen Arbeit der Modelleure, die wie vor 250 Jahren für die Gestaltung der Formen die Verantwortung tragen. Unter den Händen der Dreher und Gießer entsteht das rohe Porzellan. Hier findet sich der Drehtisch wie vor fast 300 Jahren, als das Porzellan in Meissen durch Johann Friedrich Böttger und Walther Ehrenfried von Tschirnhaus für Europa entdeckt wurde. In der authentisch eingerichteten Dreherei und Gießerei der 1950/60er Jahre mit den Rollern, Gießkarussellen, Elevatoren sind die einzelnen Arbeitsschritte an den realen Arbeitsplätzen zu verfolgen. Die didaktisch aufbereiteten Präsentationen von isostatischen Pressen und Hochdruckgießanlagen dokumentieren die Fabriken von heute. Im Bereich des Brennhauses, wo der Porzellanscherben nach dem Brand seine Weißheit, seine Transparenz und seinen hellen Klang erhält, werden die historischen Rundöfen zu Erlebniszonen, die die Arbeit in der stickigen und heißen Atmosphäre vermitteln. Die Dekorationsvarianten werden erfahrbar im Buntbetrieb derzeit noch im Stadium einer Studiensammlung , wo von der Handmalerei bis zum modernsten Siebdruck die Verfahren der Porzellandekoration dargestellt werden. Bei dem Weg durch die Fertigungsgeschichte der Europäischen Porzellanmanufak-turen und -fabriken bleibt zur Technik der Porzellanherstellung, zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in diesem Museum kaum eine Frage offen.
Die neue Abteilung: „Weißfertigung – Vom Modell zum fertig gebrannten weißen Porzellan“
Das Konzept der seit Juli 2002 zugänglichen neuen Ab- teilung: „Weißfertigung – vom Modell zum fertig gebrann- ten weißen Porzellan“ wurde von den am Museum selbst angestellten Wissenschaftlern gemeinsam mit der Lan- desstelle für die nichtstaatlichen Museen und dem Innenarchitekten Arthur Pufke, Schwandorf, entwickelt. Das Heinz-Nixdorf-Forum, Paderborn, das weltgrößte Computermuseum, stand beim Einsatz der elektroni- schen Medien mit Rat und Tat zur Seite. Die europäischen Partnerinstitutionen, insbesondere im französischen Limoges, in Sèvres sowie in Stoke-on-Trent in Groß- britannien, zahlreiche Museen, Archive, Forschungsinsti- tute an Hochschulen, Unternehmen aus der Welt des Porzellans, d. h. Porzellanerzeuger, Maschinen- und Ofenbauer: sie alle trugen auf vielfältige Weise wesentlich zum Gelingen bei.
Dass der Rundgang für Alt und Jung stets spannend, at- traktiv und erlebnisreich bleibt, dafür sorgt einerseits das originalgetreu inszenierte Ambiente in den denkmalge- schützten Räumen: Das sind z. B. die Modelleurstube aus dem 18. Jahrhundert, der Gießplatz um 1900, die Dre- herei der 50er Jahre mit ihren Rollermaschinen, dem Trockenelevator, den Putzplätzen, das sind die originalen Rundöfen, die das Bild aller Porzellanfabriken über 150 Jahre prägten. Aber es sind nicht allein diese weitgehend authentisch eingerichteten Arbeitsbereiche, sondern ebenso die Menschen, die die Besucher dort antreffen: die „Besucherbetreuer“ mit ihren Vorführungen an den laufenden Maschinen. Ihr Tun wird – auf Anmeldung – er- gänzt durch Führungen erfahrener Porzellanarbeiter. Als Zeugen ihrer Zeit geben sie ihr in Jahrzehnten in der „Por- zellinerei“ erworbenes Wissen weiter. Sie sprechen vom Porzellan und seiner Herstellung, dem Leben und Arbei- ten der Menschen, der „Porzelliner“.
Leben, Arbeit, Technik in Geschichte und Gegenwart sind an verschiedenen Stellen mit Hilfe des gezielten Einsat- zes von Medien auf intensive Weise erfahr- und nachvollziehbar: Neue Formen für Porzellan werden heute am Computer entworfen. Ein Film zeigt, wie dies vor sich geht. Flachgeschirr wurde in den Fabriken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Hand gedreht und wird heute isostatisch gepresst. Historische und speziell für die neue Abteilung hergestellte aktuelle Filme dokumentieren dies. Die Dimensionen der Maschinen und Aggregate in den Porzellanfabriken nahmen immer größere Ausmaße an. Sie in das Museum zu holen, ist nicht möglich. Das Konzeptionsteam hat sich aber auch hier einiges einfallen lassen: So mit der Tassentaktstraße, deren Kopf und Abschluss original im Museum aufgebaut sind. Die gesamte Funktion machen in eine dreidimensionale Strichzeichnung integrierte Monitore filmisch deutlich. Ein Tunnelofen ist in der Porzellanfabrik Selb-Plößberg nicht mehr errichtet worden. Doch der Besucher kann trotzdem im „Überwachungs- und Steuerungsraum“ eines solchen Platz nehmen, die Brennkurve verfolgen, aus dem Fens- ter in die Ofenhalle blicken, auf den Überwachungsbild- schirmen sehen, wie die Wagen mit Porzellan beladen werden, wie sie in den Ofen hineinfahren und ihn wieder verlassen. Er hört das dumpfe Brummen, das die Ofen- halle erfüllt. Geruch und Geräusch, Hitze erlebt der Besu- cher hautnah, z. B. wenn er zum Ende des Rundgangs den Nachbau eines modernen Rollenofens, in dem das Geschirr schließlich „glatt-“, d.h. fertig gebrannt wird, durchschreitet. Wie haben die Porzelliner in den Fabriken Europas ihre Arbeit empfunden? In Video-Interviews ge- ben sie Auskunft.
Recherchieren, experimentieren und selbst Hand anzulegen, auch diese Aspekte wurden nicht vergessen: Auf durch Berühren gesteuerten Monitoren kann man an den verschiedensten Stellen noch mehr Details erfahren, in museumspädagogischen Inseln in den Internet-Auftritten von Hochschulen und Wirtschaftsunternehmen stöbern, selbst Formen zusammensetzen – und, mit einem Griffel in der Hand, virtuell dreidimensionale Gegenstände gestalten, dabei tatsächlich deren „Oberfläche“ erspüren. Eine Drehscheibe „anzukurbeln“, wie dies im 18. Jahrhundert von Kindern gemacht wurde, ist die eine Seite, die andere ist das in Begleitung durchgeführte Experiment im museumspädagogischen „Labor“, wie das selb- ständige Gießen und Drehen. Für den Unterricht reser- vierte und auf Klassenstärke ausgerichtete Räume run- den das Angebot ab.
Das Europäische Industriemuseum für Porzellan in Selb- Plößberg präsentiert sich als ein Museum der Vielfalt, als eine eigene Welt: Eine Welt, die mit durchdachten und auf Vermitteln durch Erleben ausgerichteten Schaueinheiten eine neue Attraktion in Nordostbayern darstellen will. Das Museum möchte damit einerseits den Tourismus stärken, anderseits durch das Erschließen der bisher so nicht ge- kannten und vor Augen geführten Welt des Porzellans ein kaum zu gering zu schätzender Werbeträger für das Porzellan und die Porzellanbranche sein. Jung und alt, Schüler und Familien, jede auf ihre Art, können sich hier angesprochen fühlen.
Bereits heute umfasst das Museum eine Fläche von 4.500 m2 und es ist gerade in seinem Sonderausstel- lungsprogramm bewusst vielschichtig angelegt. Dessen Spannbreite reicht von der Arbeit junger Künstler und renommierter internationaler Hochschulen im Bereich von Kunst und Design bis hin zu Themen aus dem Bereich der Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte. Seit 2003 stehen rund 1.000 m2 für diese wechselnden Ausstellun- gen bereit. Die dafür genutzten Räumlichkeiten wurden durch die „Bauhütte“ des Museums weitgehend in Eigen- leistung hergerichtet. So wurde eine Temperierung einge- bracht, ein Teil der Wände verputzt und, wo dies nicht möglich war, nach dem Vorbild des Musée de la Publicité, Paris, eine Innenwandverkleidung aus Zinkblech herge- stellt, die ein Durchlüften der ursprünglich feuchten Au- ßenwände bei schonendem Umgang mit der historischen Bausubstanz erlaubt, während nach innen weitgehende Sauberkeit gegeben ist.
Perspektiven – ein Blick in die Zukunft
Im Endausbau wird das Europäische Industriemuseum für Porzellan seinen Besuchern eine Ausstellungsfläche von fast 9.000 m2 bieten. Es wird in den kommenden Jah- ren auch in den Bereichen weiter wachsen, die nicht als Ausstellungsräume dienen, und dann mit der Infrastruktur internationaler Institutionen konkurrieren können. Wie sie ist es bestrebt, sich mehr noch als bisher schon zu einem „Servicecenter“ für Kultur wie Wirtschaft zu entwickeln. Aufgrund seiner Lage an einer der interessantesten geo- grafischen „Schnittstellen“ zwischen der heutigen EU und den östlichen Nachbarländern kann es ein idealer Ort der Begegnung werden. Der zukünftige Eingangsbereich wird den für eine musea- le Institution heute selbstverständlichen Museumsshop bieten, der in Regie eines Privatunternehmens betrieben wird. Der Kassenbereich ist zudem „Info-Center“: Im Hintergrund der Kasseninsel wird das gesamte Angebot des Museums aufgeschlüsselt, der Besucher über den Rund- gang, die Inhalte der einzelnen Ausstellungsbereiche, die laufenden Sonderausstellungen und museumspädagogi- schen Aktivitäten informiert. Dass die in Hohenberg angesiedelte Abteilung „Deutsches Porzellanmuseum - Museum für Porzellangeschichte, -kunst und -design“ ebenso Berücksichtigung findet, erklärt sich schon daraus, dass beide Museen in ihrer Thematik eng verzahnt sind und sich gegenseitig unverzichtbar ergänzen. Die runde Kasseninsel wird mehr Aufgaben wahrnehmen als nur die Verkaufsstelle für die Eintrittskarten und Ausgabeort für die geplanten „Audio Guides“ zu dienen. Im Herzen der Porzellanstraße wird das Center „Infothek“ für die touris- tischen Attraktionen und Möglichkeiten im Umkreis sein. So informieren Touchscreen Monitore über Aktivitäten in der Region und erlauben direkten Internetzugang.
Bereits 2004 soll zum 125-jährigen Jubiläum der Rosen- thal AG als nächste Schaueinheit das „Rosenthal-Museum“ in diesem Gesamtkomplex entstehen. Und das Ex- periment steht wieder ganz oben an, wenn ab 2005 der zweite Themenschwerpunkt, die Technische Keramik mit all ihren faszinierenden Anwendungsbereichen in Elektrotechnik, Elektronik, im Automobilbau, in Chemie und Medizin mit ihren Produkten vom Isolator bis hin zum Computerchip Ziel des Aufenthaltes sein kann. 2006 geht es im Zeichen des Kändler-Jahres, das dem Begründer der figürlichen Porzellanplastik in Europa an der Porzellanma- nufaktur Meißen, J. J. Kändler, gewidmet ist, den Schaubereich „Porzellanherstellung in den europäischen Manu- fakturen“ zu widmen. Hier wird gezeigt, wie aus dem Model des Bildhauers die Porzellanplastik entsteht, wel- che speziellen Methoden von der feinsten handgemach- ten Blüte bis hin zum von Hand geschnittenen Durch- bruchrelief die europäischen Manufakturen einst ent- wickelt haben und heute als Wahrer einer bald dreihun- dertjährigen Tradition pflegen.
In absehbarer Zeit wird die Cafeteria mit mehr als 80 Sitz- plätzen folgen. Ein gastronomisches Angebot ist Voraus- setzung für einen besucherfreundlichen Betrieb. Der auf die vielfältigsten Nutzungsvarianten ausgerichtete Mehr- zwecksaal mit rund 200 Sitzplätzen rundet das Angebot in sinnvoller Weise ab. Ausgestattet mit Simultanüberset- zungskabinen wie zeitgenössischer medialer Technik kann er Begegnungsstätte von Wirtschaft, Politik wie Kultur sein.
Porzellanwelt Selb
Trotz des zugegebenermaßen noch unfertigen Erscheinungsbildes im Süden des Areals hat das Museum auch hier schon ausgesprochen reizvolle „Ecken“. Mit seinem Gelände von über 30.000 m2 ist Platz für das Picknick am ehemaligen Feuerlöschteich in romantischer Umgebung wie für das Open Air Konzert. Das große Museumsfest mit nahezu 3.000 Besuchern beweist immer wieder, dass die Menschen gern hierher kommen.
Dort, wo wie vor fast 100 Jahren wohl bald wieder die Werksbahn fährt, dort hat das Fichtelgebirge, dort hat Oberfranken, Bayern und Deutschland eine besondere „Welt“, seine Welt des „weißen Goldes“, seine „Porzellanwelt“. Sicherlich ist davon erst die erste Hälfte zu ent- decken, aber auch diese ist eine bereits jetzt für Groß wie Klein interessante, Erkenntnis wie Erlebnis vermittelnde und attraktive Welt.
Hier in Selb-Plößberg hat Oberfranken ein Museum, wie es wohl sonst nur in großstädtischen Ballungszentren erwartet wird. In Kombination mit dem 15 Kilometer ent- fernten deutschen Porzellanmuseum in Hohenberg an der Eger, wo die Geschichte der Erzeugnisse, ihr Design und ihre Dekoration im deutschsprachigen Raum präsentiert werden, ist dank der Mithilfe und des Engagements vieler, dank des Freistaates Bayern mit seinen Ministerien und Fachstellen, des Bezirks Oberfranken, der Europäischen Union, der Kulturstiftungen und der regionalen Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften ein Zentrum zu Gegenwart und Geschichte des Porzellans entstanden und nach wie vor im Ausbau, eine Einrichtung, die inter- national anerkannt und verankert ihresgleichen sucht.

Das Rosenthal Archiv: Eine Sammlung von unschätzbarem Wert
Über 15.000 Objekte umfasst das Archiv der traditionsreichen Porzellanfirma Rosenthal, das dank der Initiative des Regierungspräsidenten von Oberfranken, Wilhelm Wenning, und mit finanzieller Unterstützung der Oberfrankenstiftung, der Wenning vorsitzt, nun ihren Platz im Selber Porzellanikon gefunden hat. Die über 120 Jahre zurückreichenden Bestände des Archivs sind vieles zugleich: Zeugnis der Entwicklung der Porzellanindustrie und Porzellantechnik in Deutschland, Lehrbuch mustergültigen Industriedesigns, Kunstsammlung von Werken bedeutender Künstler, Teil der Geschichte der Stadt Selb, Bilder- und Filmesammlung weltberühmter Künstler und Showstars bei ihren Besuchen in Selb, und schließlich Spiegel des Lebens eines Mannes, der sich, seine Stadt und sein Unternehmen zu einem öffentlichen Ereignis zu machen verstand: Philip Rosenthal.
Kaum ein anderer Industriezweig hat die oberfränkische Wirtschaft auch nach außen hin so geprägt wie die Porzellanindustrie. Klangvolle Namen wie Rosenthal oder Hutschenreuther sind über unseren Regierungsbezirk hinaus weltweit nicht nur Porzellankennern geläufig. Mag unsere Porzellanindustrie seit einiger Zeit auch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, bleibt Oberfranken auch heute noch das Zentrum dieser Branche in Deutschland. Für die Oberfrankenstiftung stand deshalb von vornherein fest, dass wir das Rosenthal-Archiv retten wollten. Wir überlassen damit dem Porzellanikon eine Sammlung von unschätzbarem Wert."
Wilhelm Wenning, Regierungspräsident von Oberfranken
Das Rosenthal-Archiv spiegelt die für die deutsche Porzellanbranche zentrale Bedeutung des Unternehmens Rosenthal wider. Rosenthal ist einer der ältesten Porzellanhersteller in Oberfranken. Bereits 1879 begann Philipp Rosenthal in Erkersreuth bei Selb den Aufbau einer Porzellanmalerei. Sein großer Erfolg, bereits nach 10 Jahren beschäftigte er rund 200 Menschen, brachte ihn dazu, in Selb eine Fabrik aufzubauen und selbst Weißware herzustellen. Philip Rosenthal war eine Unternehmerpersönlichkeit von seltenem Weitblick. Die Erzeugnisse seiner Fabriken sollten durch moderne Formen- und Farbensprache gefallen und ihnen ein unverwechselbares Image geben. Der Jugendstil wurde erstmals gezielt für diesen Zweck eingesetzt, in der Folgezeit machte sich Rosenthal einen Namen im Art Deco, aber auch im Funktionalismus.
Für mich gehören zu den spannenden Stücken des Archivs auch die Entwürfe bedeutender Künstler, die nicht verwirklicht und damit nicht in der Öffentlichkeit bekannt wurden, z.B. von der französischen Künstlerin Niki de Saint-Phalle. Eine Aufarbeitung dieser verborgenen Schätze des Museums und der Gründe für ihre Nichtverwendung wäre ein hoch interessantes Thema.
Wilhelm Siemen, Leiter des Porzellanikons
Rosenthal-Porzellan wurde zum Inbegriff moderner Porzellangestaltung. Einen beträchtlichen Teil des Bestandes machen neben Porzellanen des Historismus solche des Jugendstil und Art Deco aus, eine Zeit, in der Rosenthal bereits zu den führenden Unternehmen Europas zählte. Service, Zierartikel, aber auch die Erzeugnisse der gerade gegründeten Kunstabteilungen waren bekannt und gefragt. Auch die 1930er Jahre sind mit verschiedensten Produkten hochwertiger Art repräsentiert. Die Nachkriegszeit ist zweifellos am stärksten vertreten.
Sein Sohn Philipp Rosenthal setzte diesen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent fort. Mit ihm verbinden sich Begriffe wie New Look, Studio-Linie, Studio-Häuser, Limitierte Kunst, mit ihm verbindet sich die Verpflichtung von Künstlern und Designern von internationalem Ruf. Es gelang, dem in Oberfranken beheimateten Unternehmen Weltgeltung zu verschaffen und es zu d e m Vertreter modernen, zeitgemäßen Porzellans zu stilisieren. Hier sind es vor allem auch Erzeugnisse der Limitierten Reihen und künstlerischer Serien, mit Entwürfen von z.B. Henry Moore, Roy Lichtenstein, Marcello Morandini oder Niki de Saint Phalle, die einen hohen Sammlerwert besitzen.
Besonders beeindruckt haben mich im Archiv die Vielfältigkeit der Stücke und deren kreative Schöpfer. Von ganz frühen Stücken aus dem ersten Brand vom 1. März 1891, über die hervorragende Sammlung von Jugendstil- und Art Deco -Porzellanen (die ich besonders gerne mag) bis hin zu den Designhighlights ab den 50er Jahren und den limitierten Kunstobjekten ab 1968. Phantastisch sind auch die Form-, Muster- und Dekorbücher, die größtenteils farbig gezeichnet wurden sowie die Künstlerentwürfe. Dieses Firmenarchiv ist meiner Meinung nach einmalig in der Porzellanindustrie und ich kenne nichts Vergleichbares, was nahezu 130 Jahre Form-, Dekor- und Unternehmensgeschichte so gut dokumentiert.
Petra Werner, Kuratorin und langjährige Betreuerin des Archivs
Die Erzeugnisse der Studio-Linie, seit rund 50 Jahren das Flaggschiff der Rosenthal AG, sind nahezu lückenlos vertreten, teilweise zusätzlich zu keramischen Teilen auch mit dazu gehörigen Gläsern oder Besteck. Namen wie Björn Winblad, Tapio Wirkkala, Walter Gropius, Mario Bellini oder Jasper Morrison sind beispielhaft zu nennen. Auch einige Möbelentwürfe namhafter Gestalter sind Bestandteil des Archivs. Ebenfalls sind aus den Kollektionen Versace und Bulgari repräsentative Stücke vorhanden. Neben Erzeugnissen der Marke Rosenthal finden sich auch Produkte der Porzellanfabrik Thomas in Marktredwitz aus der Zeit ab etwa 1904 bis heute. Die Marke Hutschenreuther ist mit Stücken aus den letzten Jahren im Archiv vertreten.
Das Rosenthal-Archiv ist für die Stadt Selb von unschätzbarem Wert und enormer Bedeutung. Es dokumentiert nicht nur die Geschichte der Rosenthal AG, sondern auch die Geschichte unserer Stadt, vom kleinen, unbekannten Weberstädtchen . Es waren vor allem die Entwicklungen der Firma Rosenthal, die hierzu beigetragen haben. Künstler von Rang und Namen wie Victor Vasarely, Professor Otto Piene, Professor Walter Gropius, Bjørn Winblad, Professor Günther Uecker, Marcello Morandini oder Friedensreich Hundertwasser, um nur einige zu nennen, haben sich im Rosenthal- Archiv verewigt und darüber hinaus auch zur Gestaltung unseres Stadtbildes und öffentlicher Gebäude wie Rosenthal-Theater oder Hallenbad im Rosenthal-Park beigetragen.
Wolfgang Kreil, Oberbürgermeister der Stadt Selb
Einen nicht unbeträchtlichen Wert stellen die Archivalien, z.B. Dekor- und Modellbücher, dar, die von der Forschung, Sammlern und der Publizistik stark genutzt werden. Das Rosenthal-Archiv die umfassendste, geschlossenste und die Produktion der oberfränkischen und damit auch deutschen Porzellan-industrie der letzten rund 130 Jahre am besten widerspiegelnde Sammlung. Neben diesem erheblichen immateriellen Aspekt ist natürlich auch auf den hohen materiellen Wert hinzuweisen. Insbesondere die teilweise sehr seltenen Stücke aus der Zeit des Jugendstils und den 1920er Jahren werden in Sammlerkreisen und auf Auktionen hoch gehandelt. Aber auch die limitierten Kunstobjekte der letzten vier Jahrzehnte sind in Kennerkreisen stark gefragt. Durch den Erwerb des Rosenthalarchivs sichert die Oberfranken-Stiftung ein auf seine Weise typisches und unersetzliches Kulturgut für die Region. Es untermauert eindrucksvoll die herausragende Stellung Oberfrankens in der deutschen Porzellanindustrie.
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