Kunstgewerbler Darmstadt
Der hessische Großherzog Ernst Ludwig, ohne den es die Darmstädter Ausstellung von 1901 und damit auch die von 1976 nicht gegeben hätte, formulierte seine ungewöhnlich unfürstliche Lebensmaxime, mit der er sich auch von der Art und den Ambitionen des preußischen Kaisers und Vetters distanzierte, weich und poetisch: „ ... das Gestern ist nur ein Schatten im Licht des Heute, Peter Behrens: „Der Kuß", 1898 , das vom Morgen träumt." Ernst Ludwig hatte, als Enkel der Queen Victoria, schon früh eine direkte Anschauung der durch Ruskin und Morris erneuerten englischen Wohnkultur erhalten.
Er war außerdem durch den Darmstädter Verleger Alexander Koch, der 1897 die Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" gegründet hatte und „die Kunst aus der Gefangenschaft des Ateliers zu erlösen, sie in den Dienst des Mensehen zu stellen" trachtete, ganz direkt herausgefordert, als aufgeschlossener Landesfürst und großzügiger Mäzen tätig zu werden. Als Ernst Ludwig beschloß, in Darmstadt die Gründung einer Künstlerkolonie zu betreiben, war er ein junger Mann in den Dreißigern, die Künstler, die nach Darmstadt eingeladen wurden, waren in seinem Alter oder jünger. Sieben Künstler wurden im Laufe des Jahres 1899 nach Darmstadt berufen, um dort bei einem angenehmen Gehalt aber ohne Lehrverpflichtung zu arbeiten und in der Gemeinschaft das neue Programm zu proben und zu praktizieren, es zu propagieren schließlich: es waren Rudolf Bosselt und Ludwig Harlich (die Bildhauer), Paul Bürck (für "-Buchschmuck und Kunstgewerbe), Hans Christiansen und Petei Behrens (die Maler und Graphiker), Patriz Hubef (als Designer und Innenausstatter), schließlich Joseph Maria Olbrich, der zur Zeit seiner Berufung bereits berühmte Architekt. Olbrich, der 1898 den Wiener Sezessionisten ihr neues Ausstellungshaus gebaut hatte, wurde der für die Darmstädter Künstlerkolonie entscheidende Mann. Von den Häusern auf der Mathildenhöhe, dem vom Herzog zur Verfügung gestellten Areal auf einem bewaldeten Hügel über der Stadt, hat er die wichtigsten gebaut: das langgestreckte, von zwei Riesenplastiken flankierte Ernst-Ludwig-Haus, das den Künstlern als Ateliergebäude diente, den bizarren, hochgereckten Hochzeitsturm, der aus Anlaß der Vermählung Ernst Ludwigs entstand, die beiden Häuser des Möbelfabrikanten Gluckert, die meisten Künstler-Häuser. In diesen Häusern, in den Ateliers, in dieser von den Künstlern selber gestalteten Künstler-Kolonie sollten nun keine Kunstwerke produziert und zur Schau gestellt werden, die Siedlung wollte in der Totalität ihres Konzepts, sollte vom Türgriff bis zur Gartenanlage die Grundsätze der neuen Stilkunstbewegung demonstrieren, sollte als „Ein Dokument Deutscher Kunst" wirken auch über die Ausstellungsdaten, während derer die Mathildenhöhe 1901 der Öffentlichkeit zugänglich war, hinaus.
Eine Anlage von bizarrer Schönheit
Es waren idealistische Vorstellungen, die teils verwirklicht werden konnten: Nach Entwürfen der Mitglieder der Künstlerkolonie wurden in Darmstädter Betrieben und anderswo Möbel, Geschirr, Gläser produziert. Und es waren idealistische Vorstellungen, die in sich selber bereits irreal waren: weil sich das Leben der totalen Ästhetisierung entzieht, weil die hohe Absicht im Verlauf ihrer Verbreitung auch kleiner werden muß. Daß die Darmstädter Ausstellungen 1914 bei Kriegsausbruch geschlossen wurden und die Darmstädter Kolonie damit ihr Ende fand, hing nicht nur mit der Weltgeschichte zusammen. Die groß angelegte Linie hatte sich über die Jahre hinweg ins kleinteilige Ornament aufgelöst. „Seine Welt zeige der Künstler, die niemals war, noch jemals sein wird", hatte Joseph Maria Olbrich in großen Lettern über das große Rundportal des Ernst-Ludwig-Hauses schreiben lassen, die Resignation kam hart neben dem Enthusiasmus.
Was von dieser Welt, die niemals und doch war, übrig geblieben ist, was direkt oder indirekt zu ihr gehörte, was geschaffen wurde aus ihrem oder gegen ihren Geist, das ist jetzt in Darmstadt zu sehen. Vier Ausstellungen ergänzen sich dabei zu etwas, was man heute nicht mehr nennen würde, aber auch heute noch ganz, gut nennen kann: „Ein Dokument Deutscher Kunst".
Die Mathildenhöhe ist der selbstverständliche, der natürliche, der historische, der reale Höhepunkt der Jubiläumsveranstaltungen. Nicht alle Häuser stehen mehr, nicht alle, die noch stehen, sehen mehr so aus, wie sie einmal erdacht und er-, richtet waren. Aber der feierliche Platanenhain und der festliche Hochzeitsturm, die spielzeugartige russische Kirche und das dekorative Wasserbassin,die 1 weit angelegten-^ißstellüngsgebäude und skulpturhaften Häuser der Künstler addieren sich zu einem Panorama von bizarrer Schönheit. Und in derri renovierten Ausstellungigebäude sind viele der besten Arbeiten der Darmstädter, manche davon in Entwurf und Ausführung, zu sehen: das fragile Mobiliar von Olbrich, und das solide von Behrens, das solide oder fragile oder auf Wunsch fast abstrakte Mobiliar von Christiansen, die von ihm und anderen entworfenen Gläser, Teller, Bestecke, das Zigarettenetui und Lorgnon.
Quelle: Petra Kipphoff | © DIE ZEIT, 29.10.1976 Nr. 45
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