Im Land der bayerischen Porzelliner
Das nordöstliche Oberfranken und die nördliche Oberpfalz waren die eigentliche Heimat der bayerischen Porzellanindustrie. Die Ostbayerischen Gebirge vom nördlichen Franken bis zum südlichen Böhmerwald bestehen aus Granit-Urgestein, liefern also die Werkstoffe für Bayerns bekanntesten Exportartikel. Die wertvollsten Kaolinlager Europas liegen allerdings im nördlichen Randgebiete Böhmens. Als sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Bayerns grosse Porzellanfirmen in seiner nordöstlichen Landesecke entwickelten, war es noch ein leichtes, Porzellanerde zusätzlich aus dem befreundeten Kaiserreich Österreich, wozu Böhmen gehörte, zu beziehen. Bayerische und böhmischer Werkstoff - nahe beieinander gelegen - bildeten also den Hauptgrund zum Aufbau der Porzellanindustrie in oberfränkisch-oberpfälzischen Landen.
Diese überraschen uns auch mit ihrem Waldreichtum. Schon die Namen der einzelnen Gebirgszüge, die nur in ihren höchsten Gipfeln die 1000 m Grenze überschreiten, lassen auf Holzfülle schliessen. Holz aber bildete ursprünglich das fast ausschliessliche Brennmaterial für die Öfen der Porzellanindustrie, ehe die Kohle den Vorrang übernahm und der elektrische Strom von den Hochspannungsnetzen bezogen werden konnte.
Bayerns Porzellinerland ist zugleich ein gern besuchtes Reiseziel von Sommerfrischlern und Wintersportlern, von Kurgästen und Naturfreunden. Die kleinen Marktflecken und betriebsamen Städtchen mit ihren hochragenden Fabrikschloten und ausgedehnten Werkanlagen liegen allzumal in einer abwechslungsreichen Landschaft. Es ist ein Raum mit romantischen Waldbächen und verträumten Seen inmitten fichtenreicher Hänge, übersät von gewaltigen Granitblöcken, die auch Goethes stärkste Bewunderung auslösten; es ist zugleich ein landwirtschaftliches Notstandsgebiet mit kargen Böden und harten Wintern, dessen gewerbefleissige Bevölkerung jedoch schon vor den zwei Weltkriegen zahlenmässig weit über der durchschnittlichen Siedlungsdichte Bayerns stand.
Auf der Karte Bayerns nimmt das eigentliche Porzellangebiet nur eine bescheidene Fläche ein. Aber 146 Betriebe der feinkeramischen Industrie zählt die Statistik für das Jahr 1948, wobei 54 Werke in der Hauptsache Gebrauchs- und Ziergegenstände herstellten. Im Städte-Dreieck Selb-Marktredwitz-Arzberg fühlen wir den stärksten Pulsschlag der bayerischen Porzellanindustrie. Hier findet der Besucher die dichteste Gruppierung der hochragenden Schlote feinkeramischer Produktionsstätten und der langhingestreckten Gebäudefronten mit den monoton wirkenden endlosen Fensterreihen vor.
Grauschwarze Rauchfahnen und nächtlicher Feuerschein über den Kaminen zeigen ihm den Brennprozess an. Selb und Marktredwitz beherbergen zudem das Porzellangehirn: Den Verein der keramischen Industrie Bayerns und die zentrale Exportstelle für keramische Produkte.
Die Stadt Selb ist das Herzstück der bayerischen Porzellanerzeugung; sie fordert mit Recht für sich den Titel - Die Stadt des Porzellans - . Vier Weltfirmen haben dort ihre Niederlassungen, und auf ihren Bezirk treffen von den rund 30 Tausend Arbeitskräften der Feinkeramik Bayerns allein etwa 35 v. H. Von Selb aus erfolgte auch die Einführung der Markenbezeichnung mit dem jeweiligen Werkstempel und dem Namen Bavaria für sämtliche bayerischen Erzeugnisse. In Absatzmenge und Umsatzhöhe gilt es als das grösste Zentrum der Porzellanindustrie nicht nur in Bayern sondern in ganz Europa. Begreiflich, dass die Stadt Selb in ihren Mauern auch eine Porzelliner-Fachschule stehen hat: In der Meisterschule für Porzellan zu Selb werden seit 1908 tüchtige Nachwuchskräfte besonders auf technischem und künstlerischen Gebiete, wie vor allem Modelleure und Maler, Chemiker, Werkmeister und Betriebsleiter herangebildet. Seltsamerweise kann der Reisende der Stadt, deren Bevölkerung überwiegend vom Porzellan lebt, nur auf einer kleinen Nebenlinie der Eisenbahn erreichen, während die Kösseinestadt Marktredwitz von allen Porzellanorten verkehrstechnisch am günstigsten lag.
Wer im Lande der bayerischen Porzelliner die Massen von Männern, Frauen und Jugendlichen tagaus, tagein aus den Toren der Porzellanfabriken strömen, den Bahnhöfen zueilen und in den Zügen nach den umliegenden Ortschaften sitzen sieht, gewinnt ein eindrucksvolles Bild von der Bedeutung dieses Industriezweiges auf bayerischem Staatsboden (Oberfranken). Durchwandert er jedoch die einzelnen Werkabteilungen, so begreift er auch, weshalb das einzelne Fertigfabrikat ein Vielfaches des Rohstoffpreises kostet. In der Regel nehmen die Fabriken alle Arbeitsvorgänge von der ersten Gestaltung des Rohmaterials bis zur Vollendung des Porzellanstückes in einem laufenden Umwandlungsprozess vor. Wieviele Hände und Werkzeuge, Maschinen und Ideen sind notwendig, um aus den drei Ursubstanzen das Edelfabrikat erstehen zu lassen!
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