Entwicklung Steingut
Von der kunstgewerblichen Entwicklung des Steinguts
Die kunstgewerbliche Entwicklung des Steinguts lässt sich kaum besser illustrieren, als durch eine Schilderung der Entstehung und Entwicklung der Firma Villeroy & Boch. Sie geht bis auf das Jahr 1748 zurück. Zu dieser Zeit errichteten die drei Brüder Johann Franz, Dominikus und Peter Jospeh Boch in Deutsch-Oth (Lothr.) eine Fayence Fabrik. Ihr folgte bereits in den sechziger Jahren des gleichen Jahrhunderts die Errichtung einer zweiten Fabrik in Siebenbronn bei Luxemburg, das unvergleichlich bessere Arbeitsbedingungen bot.
Kaiserin Maria Theresia, später auch ihr grosser Sohn, Joseph II., wandten dem Unternehmen ihre lebhafte Aufmerksamkeit zu. Die Kaiserin machte das Werk zur Kaiserlich und Königlichen Fayence Manufaktur und stattete es mit reichlich Privilegien aus. Dem stolz aufsteigendem Unternehmen Peter Joseph Bochs, der seit 1792 alleiniger Inhaber war, versetzte die französische Revolution einen schweren Schlag. Französische Jakobiner Horden verwüsteten Siebenbronn bei ihrem Einbruch in Luxemburg im Jahre 1794 bis auf die Grundmauern. Schwer beschädigt, aber ungebrochenen Mutes ging Peter Joseph Boch an den Wiederaufbau. Da seine Verwandten versagten, begann er mit Hilfe ander weit geliehener 25.000 Frc. bald wieder die fabrikatorische Tätigkeit. Im Jahre 1809 schon konnte Peter Josephs Sohn, Johann Franz Boch-Buschmann, daran gehen, die von den Franzosen ebenfalls verwüstete alte Benedikter Abtei Mettlach zu erwerben und in ihr 1812 mit einer weiteren Steingutfabrikation beginnen.
In nächster Nähe zu Mettlachs, in Wallerfangen, fabrizierte gleichfalls seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Nikolaus Villeroy, Sohn einer Metzer Juristenfamilie, Fayencen. Da beide, Boch und Villeroy, die gleichen wirtschaftlichen Interessen hatten, verschmolzen sie sich am 1. Januar 1836 zur Firma Villeroy & Boch, der nunmehr die Steingutfabriken Mettlach, Wallerfangen, Siebenbronn, das heutige Septfontaines, und die Glashütte Wadgassen gehörten. Durch seine Heirat völlig eins geworden - Eugen Boch, der spätere Geheime Kommerzienrat Eugen von Boch, vermählte sich mit Oktavie Villeroy - strebte die Firma Villeroy & Boch nun noch mächtiger voran. 1853 wurde in Dresden eine neue Fabrik, 1869 in Mettlach ein zweites Werk errichtet, dass sich durch seine Plattenfabrikation schnell Weltruf errang. Es folgte 1879 die Errichtung der Terrakotta Fabrik Merzig, 1906 die Wandplattenfabrik Dänischburg bei Lübeck, während im Jahre 1920 die Mosaikfabrik Deutsch-Lissa und die bekannte Steingutfabrik von Franz Anton Mehlem in Bonn erworben wurde.
Der stetigen äusern Entwicklung der Firma entsprach ihr inneres Werden. Von der Herstellung einfachen Gebrauchsgeschirrs ausgehend, haben Villeroy & Boch diesem Fabrikationszweig ihre dauernde Aufaufmerksamkeit gewidmet und es darin zu einer ebenso grossen, wie vielgestaltigen kunstgewerblichen Höhe gebracht. Das früh erkannte Ziel, das englische Steingut an Güte und Schönheit zu erreichen, ist konsequent und glücklich verfolgt worden.
Dem Standte der damaligen Technik entsprechend, war das zuerst in Deutsch-Oth hergestellte Gebrauchsgeschirr sehr einfacher Art: Tonsteingut mit weisser und brauner Zinnglasur, doch wurde es bald auch mit weisser Innen-Engobe und Bemalung gefertigt. Schnell gelang es dann, die Glasur zu verbessern und einen härteren, grauen Scherben zu erzielen, der in grün, manganviolett und schwarz verziert werden konnte. In Siebenbronn gelang es bald eine Ware zu erzeugen, die an Schönheit und Güte die übrigen luxemburgischen und elsass-lothringischen Erzeugnisse weit übertraf. Schon 1790 entstanden reizende kleine Ziergegenstände: Figürchen, Väschen im Empire Stil, nach Art des französischen Porcelaine tendre, wie es in Sevres und Tournai bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gefertigt wurde.
Den eigentlichen Ruf der Firma begründeten jedoch die in feinen, leichtbeschwingten Rokokoformen aus elfenbeinartiger Masse ausgeführten, mit Streublumen im tiefen Kobaltblau bedeckten Tafelgeschirre. Sie tragen meist in blau unter der Glasur die zu Anfang abgebildete Marke. Vertreten ist aber auch das eingeritzte Zeichen B.L. und im Kreis angeordnet: Boch A. Luxemburg. Feinen Formsinn verraten weiter die von dem Schweizer Spengler modellierten Figuren aus Weichporzellan. Ende des 18. Jahrhunderts waren auch schon zwei hervorragende Maler Lagrange und Dalle in Septfontaines tätig. Aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sind weitere Maler wie Zens, Feuereisen, Weber, Benz, Olm erwähnenswert.
Der Charakter der sich auch in den äusseren Formen stets verfeinernden Artikel war im neuzehnten Jahrhundert zunächst bestimmt durch das englische Vorbild. Hergestellt wurden u. a. Fruchtkörbe, Jardinieren, Kaffeegeschirre, mit einer für das erste Drittel des vergangenen Jahrhunderts bemerkenswerten guten Malerei. Das in Mettlach zu dieser Zeit hergestellte Geschirr war Kalksteingut in blendender Weisse und mit hochglänzender Glasur. Es war zwar nicht so fest, aber leichter als das englische Erzeugnis. Abgesehen von den reinen Gebrauchsgeschirren wurden weiter Schreibzeuge, Dosen und dergl. gefertigt. Die Formen waren elegant und zumeist mit der Marke Boch-Buschmann, zweireihig im Kreise angeordnet, oder auch mit dem in Kursivschrift ausgeführten Mettlach versehen; beide Zeichen wurden in die Masse geritzt.
Nach Jahrelangen Versuchen gelang es dann endlich durch einen Feldspatzusatz 1837/38 eine Masse zu erzielen, die mit Recht Hartsteingut genannt werden konnte. Sie war der englischen Masse gleichwertig. Hatte Johann Boch-Buschmann schon 1812 in Mettlach die Kohlenfeuerung eingeführt, den Drehscheiben durch Wasserkraft mechanischen Antrieb gegeben, so führte Rene von Boch das Giessverfahren ein, dehnte die Kohlenfeuerung auch für die Muffelöfen aus, während Edmund von Boch Bahnbrecher wurde für das Kupfer- und Buntdruckverfahren. Ansätze für die Kupferdrucktechnik waren ja bereits in England vorhanden, aber Edmund von Boch vervollkommnete sie derart, dass sie, von Mettlach ausgehend, ihren Siegeszug durch die Welt antrat.
Das mechanische Verzierungsverfahren wird von der Firma Villeroy & Boch in meisterhafter Weise zur Anwendung gebracht. Peinlich akkurat ausgeführt, bilden die Umdruckdekore ein von den grossen Verbraucherschichten beliebtes und ihrer Wohlfeilheit wegen stark begehrtes Geschirr. Man mag zu dem mechanisch-technischen Verzierungsverfahren stehen wie man will - solange wirtschaftliche Not und weniger differenzierter Geschmack die Grundlage des industriellen Schaffens abgeben müssen, ist es nicht zu umgehen. Und vielfach lässt sich auf seinen finanziellen Ergebnissen erst die künstlerischere Tätigkeit aufbauen. Villeroy & Boch vernächlässigten die künstlerische Hebung der keramischen Produkte zu keiner Zeit. In der Reihe der für die Firma tätigen Künstler seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts fallen Namen auf: Adalbert Niemeyer, Olbrich, Behrens, Riemerschmidt, Pleyer, Albin Müller, Hermann Haas. Wir finden weiter den Vorkämpfer der Werkbundbewegung, van de Velde, dem die Firma grosses Verständnis entgegenbrachte.
Das, was die Werkbundbewegung im stürmerischen Drang wollte, war ja, im ruhigen, steten Sinne, auch das Ziel von Villeroy & Boch. Einfachheit und Natürlichkeit der Form, Materialechtheit und Wertarbeit, auf dieser Linie bewegte sich die Firma von Anbeginn. Extremen Forderungen, die über den Rahmen der kommerziellen Möglichkeit hinausschiessen, hat die Firma, um nicht den Boden zu verlieren, allerdings skeptisch gegenübergestanden. Stetig und planmässig schritt das kunstgewerbliche Schaffen auf allen Werken der Firma voran. Und es kann als wahr angesehen werden, dass sie damit unvergleichlich mehr getan hat für die Hebung des Geschmacks der Massen, als wenn sie in überstürztem Jagen nach der reinsten, aber meist unverstandenen künstlerischen Vollendung gestrebt hätte. Das diese der Firma Villeroy & Boch trotzdem nicht fremd ist, dass sie sie erreichte und pflegt, ist an der Mehrzahl ihrer Geschirrformen zu erkennen, die z.T. vorbildlich typisch für Hartsteingut sind. Das gleiche gilt von der Handmalerei auf den besseren Gebrauchsgeschirren.
Dabei ist die kunstvollendete keramische Schöpfung häufig nur unter grossen wirtschaftlichen Opfern möglich. Musste doch das zuerst 1872 zum ersten Male hergestellte Chromolith schon nach wenigen Jahren wieder aufgegeben werden, weil es infolge seines, dem hohen Arbeits- und Materialwert allerdings entsprechenden Preissen so gut wie unverkäuflich war. Die Chromolith Schöpfungen sind eben im Stil jener Jahre rein kunstgewerbliche Luxusartikel. Sie bestehen aus einer sehr feinen und plastischen, mehrfarbig komponierten Steinzeugmasse, die in zarten dezenten Farbtönen gehalten ist und einen matten Lüster zeigt. Form und Dekor sind vorwiegend im Geiste der Neurenaissance gehalten, hier und da von Blumen und Fruchtgehängen unterbrochen und mit liniaren und ornamentalen Verzierungen, Reliefrändern belebt. Die Verzierung ist in Sgraifito Manier gehalten.
Ähnlich steht es mit dem Phanolith, einer Steinzeug Abart, aus der Erzeugnisse geschaffen wurden, die denen Wedgwoods sehr ähnlich sind. Das sehr feingeschlämmte Steinzeug befriedigt ästhetisch nicht voll. Es lässt allerdings innerhalb der Produktionskreises von Villeroy & Boch sehr gut die Stilwandlungen des 19. Jahrhunderts erkennen. Derb naturalistische und feiner geläuterte Motive in Neugotik und Neurenaissance wechseln miteinander ab. Bereits zu Beginn der vierziger Jahre gründete der Geheime Kommerzienrat Eugen von Boch, um das kunstgewerbliche Niveau nicht nur in den eigenen Werken zu heben, kunstgewerbliche Fortbildungsschulen und legte zugleich das umfassende, reichhaltige keramische Museum in Mettlach an, das neben den eigenen Schöpfungen der Firma Keramiken aller Zeiten und Länder enthält: Einwandfreie Stücke zur Nacheiferung, minderwertige zur Abschreckung.
Ausser den bereits genannten Künstlern wirkten hervorragend als Modelleure für die Firma August Kunz, Heilbronn, und Christian Warth aus Birkenfeld. Letzterem besonders ist manche gute Plastik zu danken. In den letzten Jahrzehnten widmeten ihre Kunst der Steinzeug Erzeugung u. a. Franz Stuck, O. Hupp und H. Schlitt vornehmlich in der Gestaltung von Trinkgefässen, Krügen u. dgl. nach altdeutschen Motiven, während H. Gradl und H. Haas sich insbesondere um die Herstellung von modernen Tafelservicen und Waschgeschirren und das Bonner Werk um leicht expressionistische Motive auf Vasen und Dosen bemühten. Neuerdings beschäftigt sich Architekt Partz erfolgreich mit der Schaffung neuer Formen und Dekore für Gebrauchsgeschirre.
Was Villeroy & Boch in künstlerischer Beziehung auf dem Gebiete der Baukeramik leisteten, steht auf einem anderen und nicht schlechteren Blatt. Auch da sind in der Verwertung der weltberühmten Mettlacher Platten und der antik formen- und farbenschönen Stiftmosaiken die ersten schöpferischen Kräfte Deutschlands an der Arbeit. Nach dem notgedrungenen Stillstand der Kriegszeit streben Villeroy & Boch jetzt wieder mit Macht voran. Die verschiedenen Werke wetteifern miteinander in der Hervorhebung neuer Formen und Dekore. Daneben werden die älteren, guten Muster nicht vernachlässigt. Denn wirkliche Kunst, selbst wenn sie formal einer vergangenen Epoche angehört, veraltet nicht, findet stets wieder Liebhaber und Freunde. Dazu kommt, dass die alten Modelle, zum Teil an sich schon stilgerecht, nun in einer neuen Technik hergestellt, hart und widerstandsfähig im Scherben, mit einwandfreier Malerei versehen, im Schmucke einer vollglänzenden Glasur, eine Augenweide und ein ästhetischer Genuss für den Kenner sind.
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