Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Emmy Siegfried

Handgemalte Kunstgläser und Porzellane von E. Seyfried München

Kunst von Kunstgewerbe unterscheiden zu können, ist nicht wesentlich. Viel eher ist von Belang Kunstgewerbe von Kunstgewerbe zu unterscheiden. Es ist dies sehr zweierlei. Historisch gesehen war das Kunstgewerbe zu allen Zeiten und bei allen Völkern die Betätigung eines Künstlers in einem Handwerk. Erst die Mechanisierung und Vervollkommnung der Industrie führten zu einer Trennung, indem sie an die Stelle des Künstlers den Techniker setzten, während das Handwerk durch die Maschine verdrängt wurde. Nun war die Einheit im Objekt zerrissen, was die vielen Verirrungen des Kunstgewerbes Ende des vorigen Jahrhunderts zur Folge hatte.

Erst in den zwanziger Jahren kam der Künstler wieder zu Wort, und zwar nicht nur im reinen Entwurf für die Industrie und die Werkstätte, sondern auch als eigenhändiger Hersteller der Gegenstände seiner Fantasie. Diese zweite Art möchte ich als Kunstgewerbe im eigentlichen Sinn des Wortes bezeichnen. Durch direkte Anwendung der Kunst auf den Gegenstand besitzen wir heute eine Reihe moderner, hochwertiger Erzeugnisse auf jedem Gebiet, die unbedingt den Modebegriff überwunden haben und als wirkliche Stilanfänge gewertet werden müssen. Am deutlichsten ist natürlich diese Entwicklung zum Stil dort zu verfolgen, wo ein einzelner Künstler, der den Wandel der Zeit miterlebt hat oder ihn doch zu innerst fühlt, durch immerwährende Beschäftigung mit einem besonderem Material so mit ihm verwachsen ist, dass er mit unverkennbar persönlicher Handschrift den Ausdruck der Zeit jedem Stück aufzuprägen vermag. Ein bemerkenswertes Beispiel seiner Art modernen Künstlertums sehe ich in Emmy Seyfried, die sich seit langem auf den verschiedensten Gebieten des Kunstgewerbes betätigt.

Emmy Seyfried künstlerische Schulausbildung schloss mit einer längeren Arbeitszeit im Atelier Prof. Niemeyers ab, dessen Einfluss in den ersten Jahren ihres selbstständigen Schaffens unverkennbar war. Hat sie auch inzwischen längst völlig eigene Wege eingeschlagen, der weiche vorsichtig abgewogene Stil Niemeyers war sicher der geeignete Boden, den Reichtum ihrer Fantasie fruchtbar zu machen. Sie begann zunächst mit dem Entwerfen für die verschiedensten Industrien, deren vielartige Techniken sie durch längere Tätigkeit in den Fabriken praktisch kennen lernte. Die besonderen Schwierigkeiten, die z. B. ein Teppichentwurf im Vergleich zu einem Tapeten- oder Stoff Entwurf infolge der gänzlich unterschiedlichen Materialien und Herstellungsweisen bietet, waren eine gute Schule für ihr eigentlichstes Gebiet, das der Glas- und Porzellanmalerei. Nun malt sie im Gegensatz zu fast allen Werkstattbetrieben ihre Porzellane und Gläser grösstenteils eigenhändig, sie malt sie ohne jede Schablone oder Pause, ohne irgend ein maschinelles Hilfsmittel - ein Vergnügen schon, ihr bei der Arbeit zuzusehen! - in tausend immer neuen Entwürfen, unerschöpflich und erstaunlich in ihrer fröhlichen und doch massvollen Art.

Wer ein Weinglas mit einen einzigen dünnen Rändchen erstehen will, eine blaue Vase mit einigen Kantenlinien, oder etwa ein Porzellanstück mit einer kopierten Rokokoquirlande, der findet es nicht bei E. Seyfried. Sie mag die Form ohne Ornament wohl anerkennen - stammt doch eine grosse Reihe bekannter Formentwürfe in verschiedensten Industrien von ihr - gesteigert jedoch und zu vollem Leben erweckt erscheint sie ihr erst durch den reichen ornamentalen Schmuck, der für sie ein unmittelbares Bedürfnis der Form, ganz mit dieser verwachsen und organisch verbunden ist.

Unsere Zeit, sagt sie, ist noch lebendig genug und bedarf des Reichtums auch in der Kunst, die ja nur Symbol des Lebens ist. Jede Beschränkung aus theoretischen Gründen ist für mich unbegreifliches Missverstehen des Problems. Dabei kann es trotzdem einmal sein, dass sie sich mit einigen wenigen Pinselstrichen begnügt, doch dann enthalten sie so reichen Ausruck, dass die einzelne Linie geradezu an die Grenze des Burlesken gelangen kann. Fast immer jedoch reizt es sie, ganz wie Laune und Form des jeweiligen Gefässes es ihr eingeben, ihre Ideen in verschwenderischer Fülle über die Fläche zu schütten.

Es wurde in der letzten Zeit vor der Öffentlichkeit viel debattiert über die Berechtigung der Malerei auf Glas, besonders auf durchsichtigen Formen. Man versuchte Vorschriften und Gesetze über verschiedene Techniken des Glasschmucks aufzustellen, die zwar ohne Zweifel viel Richtiges fordern, aber doch sich über das viel wichtigere, zwingend notwendige Bedürfnis des Künstlers hinwegsetzen, dass über allen theoretischen Klügeleien steht. Wie überall entscheidet auch hier das Wie über das Was. Sicherlich kann z.b. ein Weinglas bedingungslos schön sein, wenn es undekoriert, als gute Form allein, aber aus angenehmen Material zweckentsprechend erscheint; das Weinglas kann aber ebensogut schön sein, wenn es etwa geschliffen oder geätzt ist - was E. Seyfried seit einiger Zeit auf sehr reizvolle Art ebenfalls betreibt; und schliesslich muss ich ein Weinglas nicht auch bemalt schön finden, wenn es - nun wenn es eben wirklich schön ist? Überall, wo ein Künstler seiner selbst sicher ist, werden solch ungewöhnliche Dinge gewagt, wie es heute z.B. die WIENER WERKSTÄTTEN auf allen Gebieten tun, wie zu allen künstlerisch tüchtigen Zeiten die überzeugende Leistung eines Einzelnen sich über jeden bis dahin feststehenden Begriff ohne Bedenken hinweggesetzt hat.

Die unzähligen Vasen, Dosen, Schalen, Glässer und Tassen E. Seyfrieds, seit vielen Jahren von deutschen, aber auch ausländischen Firmen einschlägiger Art gekannt und geführt, verdienen ohne Zweifel die Beachtung und Schätzung weitester Kreise. Sie werden unabhängig von allen Modeströmungen ihren Wert auch fernerhin behalten. Wenn Eleganz und Geschmack sich oftmals in allzu nüchterner Vornehmheit oder aber in süsslich-überladener Ausdrucksleere bewegen, so ist hier das Ornament eine lebendige Ausdrucksform, gesund und kräftig, eine Freude für jeden, der es einmal verstehen und damit lieben gelernt hat.