Ehrenfried Walther von Tschirnhaus
Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708)
Ehrenfried Walther von Tschirnhaus erblickt am 10. April 1651 in Kieslingswalde, heute Sławnikowice in Polen, als siebentes Kind des kurfürstlich-sächsischen Rats Christoph von Tschirnhaus und seiner Frau Elisabeth Eleonore das Licht der Welt. Das Geschlecht derer von Tschirnhaus ist von altem Adel und die Eltern des kleinen Ehrenfried sind wohlhabende Leute. Ihrem Sohn lassen sie eine sorgfältige Ausbildung angedeihen. Zunächst unterrichtet ihn ein Privatlehrer, später besucht er das Gymnasium im nahe gelegenen Görlitz. Schon hier wird seine offenkundige Neigung zur Mathematik sichtbar. Im Winter des Jahres 1668 beginnt er das Studium der Mathematik und Naturphilosophie an der Universität Leiden, das er 1672 für 18 Monate unterbricht, um als Soldat für die Niederlande zu kämpfen.
Schmelzversuche mit dem Brennspiegel
Nach dem Studium plant der junge Tschirnhaus eine längere Tour durch Europa. Seine Reise führt ihn 1674 durch die Niederlande, England und Frankreich. Auf seinem Weg begegnet er großen Gelehrten wie Baruch de Spinoza, Robert Boyle, Christian Huygens, Gottfried Wilhelm Leibniz und wahrscheinlich auch Isaac Newton. Vor allem mit dem Universalgelehrten Leibniz wird Tschirnhaus noch eine langjährige Freundschaft verbinden. Während seines Aufenthalts in Paris besucht er die "Académie des Sciences" und nimmt teil an chemischen Schmelzversuchen von Tonerden, welche mit dem damals weithin bekannten Brennspiegel von Francois Villette durchgeführt werden.
Das Geheimnis des Porzellans
Hier liegen die Wurzeln seiner lebenslangen Bemühungen um die Nacherfindung des ostasiatischen Porzellans. Reich an neuen Erkenntnissen und Plänen verlässt Tschirnhaus nach einem Jahr Aufenthalt Paris. Auf der Suche nach Hinweisen zur Herstellung des Porzellans setzt er seine Tour in Richtung Süden fort und trifft in Mailand den Erfinder und Naturaliensammler Manfredo Settala. Dieser, so erzählt man sich damals, soll das Geheimnis des Porzellans kennen. Ob dem so war oder nicht, der Italiener jedenfalls hütet sich, dasselbe preiszugeben.
Ernennung zum Mitglied der Akademie
1679 kehrt Tschirnhaus in seine Heimat zurück und beginnt, angeregt durch Villette, eigene Brennspiegel zu entwerfen. In nur drei Monaten schafft er es, einen Spiegel zu konstruieren, der dem viel gerühmten Pariser Spiegel gleich kommt. Dessen Herstellung hatte 12 Jahre gedauert! Um dort seine mathematisch-physikalischen Erfindungen bekannt zu machen, reist Tschirnhaus erneut nach Paris. Er hofft, Mitglied der dortigen Akademie zu werden, sowie eine Pension von Ludwig XIV zu erhalten. Die Einnahmen will er für eine eigene kleine Akademie in Kieslingswalde verwenden. Die Ernennung zum Mitglied der Akademie erfolgt, die Pension jedoch bleibt aus.
Aus Asbest mache Glas
Nach Kieslingswalde zurückgekehrt, heiratet Tschirnhaus im November 1682 Elisabeth Eleonore von Lest. Sie und der Gutsverwalter Neumann nehmen alle wirtschaftlichen Pflichten auf sich. So kann Tschirnhaus sich ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten widmen. 1686 erscheint der erste Teil seines philosophischen Werkes "Medicina mentis et corporis". Gewidmet ist es König Ludwig XIV. Tschirnhaus hofft immer noch auf eine Pension, die er als finanzielle Unterstützung seiner wissenschaftlichen Arbeiten dringend benötigt. Noch im selben Jahr fertigt Tschirnhaus einen Spiegel an, der dem in Paris an Größe und Wirkung überlegen ist. Mit ihm gelingt es Tschirnhaus, sogar Asbest zu Glas zu verschmelzen. Dies hatte vor ihm noch keiner geschafft.
Kollektiv-Glas ermöglicht höhere Temperaturen
Nachdem er an die Grenze der Leistungsfähigkeit von Brennspiegeln gelangt ist, konzentriert sich Tschirnhaus auf die Herstellung von Brennlinsen. Nach dreijähriger harter Arbeit gelingt es ihm, einen 25 Kilo schweren Glasblock herzustellen. Die von ihm hergestellten Linsen werden immer größer, die Konstruktion der Brennlinsenapparate wird immer komplexer. Durch die Verwendung eines Kollektiv-Glases wird es Tschirnhaus möglich, noch höhere Temperaturen für die Schmelzexperimente zu erreichen.
Erfingung holzsparender Öfen
Der Brennapparat bietet Tschirnhaus die Möglichkeit zu vielfältigen mineralogischen, geologischen und chemischen Forschungen. Selbst schwere Schicksalsschläge, wie der Tod seiner Gattin und seines Sohnes im Frühherbst 1693, halten Tschirnhaus nicht auf, weiter zu forschen. Im Winter jenes Jahres beginnt er ernsthaft mit gezielten Porzellanversuchen. Er untersucht verschiedene Ton- und Lehmarten, indem er sie zunächst schlemmt und dann unter der Brennlinse in verschiedener Zusammensetzung verschmilzt. Ein Nebenprodukt seiner intensiven Versuche ist die Erfindung holzsparender Öfen.
Die Pläne von August dem Starken
Tschirnhaus perfektioniert seine Brennlinsen-Apparate immer weiter und damit auch das Verfahren zur Glasgießerei. Seinem Landesherrn, August dem Starken, schlägt er die Gründung einer Glashütte vor. Er selbst ist finanziell zu schwach bestellt, um solch ein Projekt finanzieren zu können und hofft, dass er durch den Zuspruch Augusts die Möglichkeit zu weiteren wissenschaftlichen Forschungsarbeiten erhält. Allerdings hat der andere Pläne und erteilt dem findigen Untertan zunächst den Auftrag, dass er, "aller Orten in Sachsen die Edelsteinbrüche von Jaspis, Achat, Amethysten, Topasen visitiren solle."
Errichtung einer Glashütte in Dresden
Seinen Auftrag absolviert Tschirnhaus erfolgreich. Nahe Hilbersdorf findet er einen ergiebigen Gang von Korallenachat. Im Jahr 1697 wird bei Dresden auf Tschirnhaus’ Initiative und durch die Unterstützung Augusts des Starken eine Schleif- und Poliermühle gegründet, wo die Edelsteine verarbeitet werden. Auch wird unter Tschirnhausens Mitwirkung 1700 eine Glashütte in Dresden errichtet.
Hochzeit mit Elisabetz Sophie von Schulenburg
Im Jahr 1701 tritt Tschirnhaus auf Instruktion von Augusts Statthalter Fürstenberg eine erneute Reise an. Zweck des Unternehmens sind die Absatzförderung der sächsischen Erzeugnisse und – so würde man heute sagen – Wirtschaftsspionage. Der Gelehrte besucht die Porzellanmanufakturen im niederländischen Delft und im französischen Saint Cloud. Er stellt fest, dass es beiden Manufakturen noch nicht gelungen ist, echtes Porzellan zu erzeugen. Am 5. Februar 1702 kehrt er nach Sachsen zurück. Vier Tage darauf vermählt er sich mit Elisabeth Sophie von Schulenburg.
Tschirnhaus und Böttger
Im März reist Tschirnhaus nach Dresden, um Fürstenberg Bericht zu erstatten und ihm seine junge Gattin vorzustellen. In der Gesellschaft von Fürstenberg trifft Tschirnhaus auch erstmals auf Johann Friedrich Böttger, Augusts Staatsgefangenen Nummer Eins und angeblichen Goldmacher. August der Starke ist fest davon überzeugt, dass Böttger tatsächlich Gold herstellen kann. Tschirnhaus beobachtet die Vorgänge um den 19-jährigen Alchimisten lediglich interessiert. Andere Projekte sind ihm wichtiger.
Ein hilfreicher Gesell
Am 25. Mai 1704 erhält Tschirnhaus die Aufgabe, Böttger zu beaufsichtigen. Er und der Bergrat Gottfried Papst von Ohain werden als Vertrauensmänner ausgewählt, um Böttger bei seinen Experimenten zu unterstützen. Als Rationalist zweifelt Tschirnhaus an der Transmutation unedler Metalle in Gold, dennoch erklärt er sich zur Übernahme der Aufgabe bereit. Er erkennt in Böttger einen fähigen Experimentator, der auch zur Lösung anderer Probleme beitragen könnte.
Umstieg auf Brennöfen
Zudem werden Böttgers Arbeiten finanziell durch August unterstützt, ein weiterer Grund für den ständig unter Geldnot leidenden Tschirnhaus, Interesse an Böttger zu haben. Mit zunehmender Erfolglosigkeit der Goldmacher-Versuche regt Tschirnhaus Böttger an, sich neben den Goldexperimenten auch mit dem Porzellanproblem zu beschäftigen. Die Kombination der verschiedenen Kenntnisse und Fertigkeiten von Tschirnhaus, Böttger und dem Freiberger Bergrat Gottfried Papst von Ohain, Metallurge und Hüttenfachmann, welcher die Arbeit durch seine montanwissenschaftlichen Kenntnisse und die Bereitstellung von Materialien, Gerätschaften und Arbeitskräften unterstützt, wird sich als letztlich Erfolg bringend erweisen. Da sich weder Brennspiegel noch Brennlinsen für die Porzellanherstellung als praktikabel erwiesen haben, will das Forscherteam nun mit Brennöfen arbeiten.
Das "weiße Gold"
Für den in ständiger Todesangst lebenden Böttger, dem es bisher nicht gelungen war, sein Gold-Versprechen an August einzulösen, wird Tschirnhaus zum Retter. Doch auch das Schicksal des Gelehrten ist inzwischen fest mit dem des Alchimisten Böttger verbunden. Schon im Frühjahr 1707, nach nur fünf Jahren Ehe, starb Tschirnhaus’ zweite Ehefrau Sophie. Auch ihre gemeinsamen Kinder waren zu dem Zeitpunkt nicht mehr am Leben. Ohne familiären Rückhalt und finanziell am Ende, hängt Tschirnhaus’ Wohl und Wehe vom Erfolg der Porzellanherstellung ab. Gemeinsam überzeugen er und Böttger August den Starken davon, nun auf das "weiße Gold" zu setzen.
Der Kurfürst im Labor
Bereits 1706 gelingt den drei Männern die Herstellung des roten Steinzeugs – heute bekannt als "Böttgersteinzeug". Im Herbst 1707 lässt August in Dresden unterhalb des Lustschlößchens auf der Jungfernbastei ein Gewölbe für seine Porzellanforscher herrichten. Dort gelingt dem Entdeckerteam schließlich die Entschlüsselung des Porzellangeheimnisses. Noch am Ende des Jahres erscheint der sächsische Kurfürst persönlich im Laboratorium, um sich vom Erfolg zu vergewissern.
Böttger erntet Ruhm
Und tatsächlich holt Böttger in Anwesenheit von Tschirnhaus und Pabst von Ohain ein schlichtes weißes Gefäß aus dem Brennofen und präsentiert es August dem Starken. Wie Böttger selbst zugibt, sei es "mit Bey Hülffe des Herrn von Zschirnhausen" gefertigt worden. Leider starb der immer wieder vom Unglück verfolgte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus schon bald nach der Porzellan-Erfindung am 11. Oktober 1708 in Dresden an der roten Ruhr und konnte so die Früchte seiner lebenslangen Bemühungen nicht mehr ernten. Den Ruhm erntete allein sein Mitstreiter Böttger.
Welchen Anteil Tschirnhaus an der Erfindung des europäischen Porzellans hat, wird bis heute diskutiert. In Dresden und Meißen erinnert viel an Böttger, wenig aber an Tschirnhaus, obwohl es schon in einem Bericht von Peter Mohrenthal aus dem Jahr 1731 heißt: Ganz Sachsen wird so leicht den Herrn von Tschirnhausen nicht vergessen, und sein Ruhm wird ewig bestehen, so lange nehmlich, als die Porcellain-Fabrique in Meißen welche nächst der Chinesischen, ihresgleichen in der Welt nicht hat, ... Denn eben der Herr von Tschirnhausen ist derjenige, so die Massam zum Porcellain am ersten glücklich gefunden, und hat sie nach ihm der bekannte Baron Bötticher völlig ausgearbeitet.… Der Tod nehmlich unterbrach alle schöne Bemühungen des Herrn von Tschirnhausen, welche die Welt nicht mit Golde bezahlen kann."
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