Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

Porzellanflohmarkt 2003

CERAMICA POPOLARE Das kulturelle Gedächtnis Süditaliens

Die Sonderausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen versucht die lange Tradition der Keramik und ihre Faszination für die Moderne an Beispielen aus Süditalien aufzuzeigen. Antiken Objekten aus den Beständen des Museums werden Gebrauchskeramiken des 19. und 20. Jahrhunderts aus der Sammlung der Zürcher Galeristin Lily Brülisauer gegenübergestellt. Interessant ist der Vergleich, da sich viele Formen und Muster seit der Antike erhalten haben. Besonders die Gebrauchskeramik folgt seit ihren Anfängen dem Prinzip der Form als Folge der Funktion, was wiederum die Aufmerksamkeit der künstlerischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts auf sich zog. So erstaunt es nicht, dass der 1888 in Florenz geborene Alberto Magnelli sich in seiner vom Kubismus und Futurismus abgeleiteten freien Abstraktion in den frühen 1920er Jahren intensiv mit den Formen und Farben der ländlichen Keramik Süditaliens auseinandersetzte.

Keramiken von der Antike bis zur Industrialisierung

Süditalien und Sizilien wurden ab dem 8.Jahrhundert v. Chr. hauptsächlich an den Küstenregionen von griechischen Siedlern kolonisiert. Einer dieser Orte war das heutige Tarent in Apulien. Hier entwickelte sich eine eigene Kultur und Tradition, mit der die Stadt im 5.Jahrhundert v. Chr. als eines der Hauptzentren Unteritaliens eine Blütezeit erfuhr. Es wurde erfolgreich mit Waren (darunter Keramik) aus der eigenen Region und aus dem griechischen Mutterland gehandelt. Wo anfänglich Töpferware aus dem antiken Griechenland importiert oder in regionalen Werkstätten Apuliens nur nachgeahmt wurde, entwickelte sich bald eine Keramik mit eigenen stilistischen Merkmalen. Diese unterschied sich in Form, Farbe und Bildinhalten von derjenigen des griechischen Mutterlandes. Mit den rot aufgemalten Mustern auf schwarz gefirnisster Keramik hat die Region ihre künstlerische Unabhängigkeit vom Mutterland erlangt. Ihren Höhepunkt fand die antike apulische Keramik aber in Stücken aus „Gnathia“, die sich durch eine farbenreiche Dekoration auszeichnen. Das Produktionszentrum hierfür befand sich in und um Tarent. Hier gab es Lehmvorkommen, die es den griechischen Neuankömmlingen ermöglichten, Töpferware als Handelsgut, Alltagsprodukt oder auch für rituelle Zwecke herzustellen.

Tarent, seine Umgebung und vor allem der Ort Grottaglie sind noch heute bekannt für das Keramikhandwerk. Aber nicht nur in Apulien, sondern auch in den angrenzenden Provinzen hat sich ein Teil der archaischen Formen und deren ursprünglicher Gebrauch bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Diese vorindustriellen Gefässe sind die letzten Zeugen einer jahrhundertealten Keramiktradition.

Herstellung und Gebrauch vorindustrieller Keramik

Der Lehm Apuliens ist je nach Gegend rötlich bis gelblich mit leichten Verunreinigungen. Letzteres hatte oft Risse und Blasen auf der Oberfläche zur Folge. Geheizt wurden die Brennöfen mit Olivenholz. Das Brennen der Keramik in den traditionellen Holzöfen erforderte viel Erfahrung. Die letzten wurden erst in den 1970er Jahren ausser Betrieb gesetzt. Die Brenntemperatur musste nach der Farbe des Feuers bestimmt und mit Geschick gelenkt werden. Die Temperatur von fast 1000 Grad wurde in langsamen Schritten von einem kaum sichtbaren Rot des Feuers über Dunkelrot zu Orange, Gelb bis zu Weiss erreicht. Jeder Heizer entwickelte über Jahre seine ganz besondere Methode des Brennens.

Wurden Fehler begangen, waren meist alle Keramiken unbrauchbar: Für den Töpfer bedeutete dies neben dem wirtschaftlichen Verlust vor allem eine Schande, die es zu verbergen galt. Die „verbrannte Ware“ wurde vergraben, um den Verlust geheim zu halten.

Der Gebrauch von Keramiken hat sich in ländlichen Regionen Süditaliens von der Antike bis in die vorindustrielle Zeit wenig verändert. Die Gefässe dienten vor allem der Aufbewahrung und Konservierung von Lebensmitteln und wurden auch in die ärmeren Regionen des heutigen Albaniens, Griechenlands und der Türkei verkauft.

Die Ausstellung

Die Herstellung von Keramik gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Bis heute hat sie aber nichts von ihrer Faszination verloren. Die Bedeutung als Vorrats- oder allgemeines Gebrauchsgut ist sicher vorrangig. Genauso bietet aber das Ausgangsmaterial Ton seit jeher Anreize zu künstlerischer Gestaltung.

Die Ausstellung möchte in der Gegenüberstellung antiker Grabbeigaben mit vorindustriellen Gebrauchskeramiken zeigen, wie sich bis in die jüngste Zeit einzelne Formen und Muster erhalten haben. Historische Aufnahmen aus den Keramikwerkstätten in Grottaglie bei Tarent und eine kleine Töpferwerkstatt ergänzen die Ausstellung. Eine Videoinstallation der Arbeit von Alberto Magnelli, “Nature morte“, 1914, Assemblage (Gips, Glas, apulische Keramik) zeigt, wie die Künstler der klassischen Moderne von den bäuerlich-archaischen Kulturen beeinflusst wurden.

Dr. Isabella Studer-Geisser, Kuratorin

Museumstrasse 50 9000 St. Gallen Schweiz +41 (0)71 242 06 42 +41 (0)71 242 06 44 info@hmsg.ch Webseite: www.hmsg.ch Öffnungszeiten: Di-So 10-17

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Flyer Ausstellung Ceramica1.15 MB