Bing & Gröndahl
Am 19. April 1928 konnte die neben der Kopenhagener Königlichen Porzellanmanufaktur bedeutenste Porzellanfabrik Dänemarks auf ihr 75jähriges Bestehen zurückblicken. 1853 haben M.H. und J.H. Bing und F. Gröndahl ihren in der Folge so bekannt gewordenen keramischen Betrieb in erst bescheidenem Umfang eröffnet. In kluger Voraussicht hatte sie sich aber bereits damals die grossen Baugrundstücke gesichert, die der stattlichen Fabrik heute Platz bieten. Ursprünglich nur als Kunstporzellanfabrik gegründet, nahm Bing & Gröndahl doch auch bald die Herstellung von Tafelgeschirren auf, dennnoch aber blieb die künstlerische keramische Tätigkeit auch in der Folge immer der Hauptzweck des Unternehmens, um den alle Interessen sich konzentrierten und für den alle Kräfte bei Versuchen wie bei der vollendeten Arbeit eingesetzt wurden.
Während der ersten Jahrzehnte liess man sich im Strom der allgemeinen künstlerischen Überlieferungen treiben nur bestrebt, gediegene einwandfreie Arbeit auf den bekannten Wegen zu erzielen, auf denen auch alle die anderen bekannten Fabriken weiterschritten. Das Streben nach Originalität, das Beherrschtsein des Unternehmens durch vorwärtsdrängende Ideen ward erst zur Lösung, als C. Juel zum ersten künstlerischen Leiter der Fabrik berufen wurde. Ihm und seinen Nachfolger Heinrich Hansen gelang es bald, Bing & Gröndahl unter den europäischen Porzellanmanufakturen einen ersten Platz zu sichern. Die grosse Zeit, da der Name Kopenhagen in der keramischen Kunst Epoche bedeutete, die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sahen neben Harald Bing den Maler Pietro Krohn als Leiter der Fabrik.
Reges Studium der orientalischen Keramik, vor allem der keramischen Schätze Chinas und Japans, verursachte damals mächtigen Auftrieb, der die Kopenhagener Manufakturen die neue freie Porzellankunst der Unterglasurmalerei schaffen und in einzigartiger Weise entwickeln lies. Immer neue künstlerische Kräfte zog Harald Bing an sich. In den 90er Jahren schufen die Künstlerinnen Hegermann-Lindencrone und Garde kunstvolle Einzelstücke mit in die noch feuchte Porzellanmasse geschnittenen Reliefs, teils auch durchbrochen und immer unter der Glasur dekoriert.
Seine Gedanken zu verwirklichen, die jüngsten Kunstrichtungen jener Zeit sich auf dem Gebiete der Keramik zu betätigen zu lassen, holte Harald Bing den Maler Willumsen heran, den radikalsten Vertreter der jungen Kunst, dessen künstlerisches Können über das aller anderen weit hinausragte, übertrug ihm die künstlerische Leitung der Fabrik und liess ihm in künstlerischen Dingen völlig freie Hand. Das Ergebnis war: Bing & Gröndahl grosser Erfolg auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900. Von der Unterglasurtechnik ausgehend, die leich zu weicher fast femininer Behandlung verleitet, lenkte Willumsen die Porzellankunst in neue Bahnen, indem er männlich-kräftige Formen und Dekore vorherrschen ließ. Sein Wirken hinterlies in der künstlerischen Produktion Bing & Gröndahls unauslösbare Spuren. Auch nach der Jahrhundertwende wurden junge, künstlerische Kräfte zugezogen, unter denen hier nur genannt seien: Kofoed, Dahl Jensen, Frau Jo Hahn Locker, F.A. Hallin, Waldemar Jörgensen, Harlad Moltke, Achton Friis, Ingeborg Plockross Irminger u.a.
Ähnlich der königlichen Kopenhagener nahm dann Bing & Gröndahl auch die Fabrikation künstlerischen Steinguts auf. Auch hier aus der Erkenntnis heraus, dass die künstlerische Ausdruckmöglichkeiten des Porzellans, so grossartig sie auch sind, doch einer Beschränkung unterliegen, so dass eben andere keramische Materailien herangezogen werden müssen, um die Skala der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern und den Wert der Gesamtleistung zu erhöhen. Und auch hier wieder: die so neueröffneten Möglichkeiten künstlerischer Gestaltung zogen die Künstler der Fabrik mächtig an, so dass gerade auf dem Gebiet des Steinguts unter Heranziehung verschiedensartigster Glasuren besonders Hervorragendes geschaffen wurde. Unter den Künstlern, die sich besonders der Entwicklung der Steingutglasuren und ihrer dekorativen Anwendung widmeten, seien hier nur genannt: Fr. C. Olsen, Ove Larsen und in neuester Zeit Gunnar Nylund.
Aber auch die Porzellanfabrikation Bing & Gröndahl blieb nicht bei nur einseitiger Anwendung und Entwicklung der Unterglasurmalerei stehen, sondern entwickelte nebenher unter der Leitung Prof. Hans Tegners eine besondere Abteilung für künstlerische Aufglasurmalerei. Tegner schuf nicht nur eine grosse Zahl schöner Dekore, er betätigte sich auch plastisch und hat Porzellanfiguren geschaffen, die durch den Reiz ihrer graziösen lebensvollen Behandlung ganz besonderen Anklang gefunden haben. (siehe Schaulade 1925 Heft 3, Seite 136). Aber auch zwei Tafelgeschirrformen hat Tegner geschaffen, von denen eine als Jubiläums Service mit reizvollem blauen Unterglasurdekor von Frau Jo Hahn Locher in strenger neuartiger Linienführung erst in diesen Tagen vor die Öffentlichkeit getreten ist.
Als 1906 die Fabrik teilweise einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel, war dies Anlass zu bedeutenden Erweiterungen, um den sich rasch steigernden Produktionsanforderungen genügen zu können. Unter den Künstlerpersönlichkeiten, die Bing & Gröndahl im Lauf der Jahre an sich zog, sind es aber vor allen zwei, denen ganz besondere Bedeutung zukommt und deren Namen für die Manufaktur eine besondere Epoche bedeuten. Es sind der leider zufrüh verstorbene Kai Nielsen und Jean Gauguin, der Sohn des berühmten franzöischen Malers.
Kai Nielsen warf sich mit seinem überschäumenden künstlerischen Temparament auf das Porzellan und schuf aus ihm in fast baccantischem Gestaltungstrieb eine Figurenfülle, die restlos aus dem Material empfunden keines Dekors bedarf und es auch nicht verträgt. Es sind immer ganze Figurengruppen, die seine Phantasie sprudelnd und kraftstrotzend aus sich gebar: Die Weinlese, Die Geburt der Venus, Das Meer und ein Schachspiel, dass allerdings schwächer ist. Eben legte er die letzte Hand an die Gruppe Das Meer - für die Pariser Weltausstellung 1925 bestimmt - als ihn viel zu früh der Tod hinwegraffte. Immer wieder treten gescheite Leute auf, die uns irgendeine Theorie der Materialgerechtigkeit lehren wollen. So konnte man gerade in den letzten Jahren immer wieder hören, die Flächen der Porzellanplastik müssten durch kantige, schnittige Linien gebrochen sein. Kai Nielsen aber verschwendete sich in Rundungen, in einer Häufung von Rundungen, wie sie vorher nicht gesehen wurden - und siehe: es ist doch Porzellan, bestes Porzellan, das seit Jahrzehnten geschaffen wurde.
Jean Gauguin dagegen bedarf zu seiner völlig anderen Gestaltungsart anderen neuen Materials. Er findet es im sogenannten "roche ceramique" - Material, einer groben Schamottenmasse, verwandt dem Material, aus dem die in der Porzellanfabrikation benutzten Brennkapseln hergestellt werden. Seine Figuren haben trotz äusserster Bewegtheit der Form einen Zug ins Monumentale, so dass er über dieses sein neues Material hinaus nach noch weiteren keramischen Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Diesem suchen sind neuerdings eine Reihe grosser polychrom behandelter Fayenceskulpturen entsprungen. Gauguins Arbeiten erregten 1925 in Paris grösstes Aufsehen. Die meisten seiner Arbeiten fanden Aufnahme in Museen und Sammlungen der verschiedensten Länder der Erde.
1924 starb Harald Bing. Ihm folgte in der Leitung der Fabrik Poul Simonsen, der nach gründlicher Vorbereitung die Firma 1925 in Paris zu einem glänzenden Sieg führte. Das Streben, die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten in Keramik noch immer weiter zu bereichern und zu vertiefen und so den Markt durch immer wieder schönere neuartige Keramik zu überraschen, liess in den letzten Jahren H. Madslund zahlreiche Versuche mit neuen matten Glasuren auf Weichporzellan anstellen, die gleichfalls erstmals in Paris gezeigt wurden und die ihre besten künstlerischen Ergebnisse erst noch zeigen müssen. Die künstlerische Auswertung dieses Fabrikationszweiges obliegt dem Maler Ebbe Sadolin.











